Hinter einigen Stapeln Geld, schwebt eine unscharfe Schutzmaske. © panthermedia,  photocase Foto: Gemini13,  Helgi

Corona verschärft die Kluft zwischen Arm und Reich

Stand: 02.03.2021 06:19 Uhr

Woran liegt es, dass die Reichen immer reicher werden und diejenigen, die es ohnehin schwer haben, oftmals noch mehr kämpfen müssen oder noch weiter ins Abseits geraten?

von Nicolas Lieven

Frank Dubbert ist Vermögensverwalter bei der Hamburger Sparkasse. Seine Kundschaft sitzt unter anderem in Othmarschen, Rissen, Nienstedten und Blankenese. Die Jahres-Einkommen hier zählen mit weit über 120.000 Euro zu den höchsten der Hansestadt Hamburg: "Unsere Kunden hatten schon immer gewisse Aktienquoten in ihren Portfolios. Und weil sich der Aktienmarkt während der Corona-Krise besonders gut entwickelt hat, haben sie davon auch besonders profitiert."

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Anleger haben dazugelernt

Denn als die Börsen vor rund einem Jahr um 40 Prozent einbrachen und viele in Panik verkauften, hatten Frank Dubberts Kunden - wie er sagt - erhöhten Redebedarf, blieben aber ruhig: "Wir haben festgestellt , dass unsere Kunden und die Anleger dazugelernt haben. In der Finanzkrise vor gut 20 Jahren, als die sogenannte Dotcom-Blase platzte, haben viele unerfahrene Kleinanleger schnell die Nerven verloren. In der Finanzkrise 2008/2009 haben sie schon weniger panisch reagiert. Jetzt in der aktuellen Krise gab es zwar erhöhten Redebedarf, aber keine panische Reaktion."

Vermögen von Ultrareichen um 15 Prozent gestiegen

Stattdessen wurde investiert: in Gesundheits- und Technologieaktien, Online-Händler und Lieferdienste. So wie Milliardäre weltweit es taten. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft PWC ist die Zahl der Ultrareichen während der Pandemie um rund zwei Prozent gestiegen, deren Vermögen um gut 15 Prozent. An der Spitze stehen Firmengründer wie Amazon-Chef Jeff Bezos und der inzwischen reichste Mensch der Welt, Tesla-Boss Elon Musk, oder in Deutschland, Lidl-Eigentümer Dieter Schwarz, der sein Vermögen in etwa verdoppeln konnte. Andere nahmen laut der Schweizer Großbank UBS im März teils Milliarden-Kredite auf, um zu investieren - dank hervorragender Bonität praktisch zum Nullzins. Geld, das jetzt arbeitet. Nicht nur an der Börse, sagt Dubberts: "Die Immobilie hat einen wesentlich höheren Stellenwert in der Anlage als zum Beispiel die Aktie."

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Langfristig wird vieles teurer

Allein im Krisenjahr sind Immobilien bundesweit laut Verband deutscher Pfandbriefbanken um rund sechs Prozent teurer geworden, Einzelhäuser und Eigentumswohnungen im Schnitt sogar um gut zehn Prozent. In einigen Großstädten stiegen die Mieten bis zu zwölf Prozent. Während also praktisch zum Null-Zins gebaut wird, sorgen immer weiter steigende Preise und Mieten für Rendite. Andere Anlagen wie Gold, Uhren, Kunst, Wein, Oldtimer haben im Krisenjahr ebenfalls einen Boom erlebt. Sachwerte sind gefragt - als Anlage, aber auch aus Sorge vor einer steigenden Inflation. Eine große Gefahr, wenn es um Ungleichheit geht. Noch sind Preissteigerungen zwar nur punktuell spürbar. Aber die Hilfs-Milliarden, die günstigen Kredite und die Geldschwemme der Europäischen Zentralbank - all das alles dürfte langfristig dazu führen, dass vieles teurer wird: Energie, Lebensmittel, Konsumgüter. Vor allem belastend für diejenigen, die ohnehin kaum über die Runden kommen.

Wer zahlt die Zeche?

Schließt sich unmittelbar die Frage an, wer am Ende die Corona-Rechnung bezahlen kann - und wird: per Sonderabgabe, Corona-Soli oder steigende Steuern. Die Reichen? Wohl eher nicht, sagt der Soziologieprofessor Michael Hartmann dem Hessischen Rundfunk: "Die Bereitschaft wird minimal sein. Es gibt sicherlich Einzelne, die das machen würden. Aber unsere Studien zeigen, dass sich die große Mehrheit da lieber raushält. Wenn es um höhere Steuern geht, ist bei 95 Prozent sofort Ende der Debatte. Sobald es um Geld geht, hört die Freundschaft auf."

Studie: Innereuropäisch steigt die Solidarität

Eine Studie der Universität Konstanz gibt allerdings Hinweise auf das Gegenteil - zumindest bei Besserverdienenden: Danach steigt innereuropäisch die Solidarität mit den Einkommen. Wer mehr verdient, ist auch bereit, sich stärker zu engagieren. In der Pandemie vornehmlich, wenn es um medizinische Hilfsmittel geht - aber auch finanziell. Allerdings wurden ganz Reiche nicht speziell befragt.

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Soziologieprofessor Michael Hartmann hält die aktuelle Diskussion über eine Verteilung der Lasten jedenfalls für gerechtfertigt: "Die Reichen haben von der Corona-Krise profitiert, weil so viel Staats-Geld in den Markt gepumpt wurde. Wenn man das nicht gemacht hätte, hätte sie die Krise sicher härter getroffen. Es hätte Firmenzusammenbrüche gegeben und ähnliches - Das ist alles vermieden worden. Jetzt verschulden sich die staatlichen Institutionen massiv. Aber das muss irgendwann - zumindest zum Teil - wieder eingesammelt werden. Nach der Finanzkrise 2008/2009 hat viele empört, dass das Geld bei der Normal-Bevölkerung eingesammelt wurde - vor allem in den USA. Und diejenigen, die von der Krise profitiert haben, haben sich kaum daran beteiligt."

Tatsächlich hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich auch zehn Jahre nach der Finanzkrise nicht verringert, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Positiv war zwar, dass nicht nur die Reichen reicher wurden, sondern auch die unteren Lohngruppen vom guten Arbeitsmarkt profitierten. Die geöffnete Schere ist dennoch geblieben.

Wie können Klein- und Geringverdiener profitieren?

Aber hätte es auch anders laufen können? Auch wenn sich nicht wie bei den reichsten Familien sogenannte Family Offices um das Vermögen kümmern: Könnten nicht auch Klein- und Geringverdiener ein Stück vom Kuchen abbekommen? Vermögensberater Frank Dubbert: "Mitte der 90er-Jahre war der Börsengang der Deutschen Telekom, da haben sehr viele Menschen Aktien gekauft. Danach kam der Neue Markt, da haben viele Menschen Lehrgeld bezahlt. Aber grundsätzlich finde ich es gut, wenn wir mehr Menschen für die Geldanlage begeistern können, mehr in Sachwerte zu investieren, weil die sich langfristig am besten entwickelt haben. Auch für unsere Volkswirtschaft wäre es gut, wenn wir mehr Anleger finden, die in ihre eigenen Unternehmen investieren. Man kann klein anfangen - das geht ab 10 Euro los."

10 Euro pro Monat

Mit 10 Euro im Monat wird man natürlich nicht reich. Allerdings: Bei 20-jähriger Laufzeit und zwei Prozent Zinsen winken am Ende rund 3.000 Euro. Abzüglich Inflation dürfte davon 2.040 wenig übrig bleiben. Wenn man aber den Durchschnittssatz der Börse zugrunde legt - der historische Schnitt liegt bei acht Prozent - dann stehen unterm Strich nach 20 Jahren Laufzeit 6.000 Euro - ungefähr doppelt so viel.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info Spezial | Wirtschaft | 02.03.2021 | 06:41 Uhr

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