Stand: 01.08.2019 11:55 Uhr

Kann sich ein Acker einen Trecker bestellen?

Täglich haben wir mit Künstlicher Intelligenz zu tun, auch wenn wir es nicht immer merken. KI hat inzwischen auch in der Landwirtschaft Einzug gehalten. Experten halten es für möglich, dass sich viele wichtige Prozesse auf dem Sektor irgendwann selbst organisieren. Das ist noch Zukunftsmusik. Doch schon jetzt helfen satellitengestützte Computerprogramme Landwirten zum Beispiel beim Bestellen ihrer Felder.

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Landwirt Till Schorr lässt sein Mais-Feld aus dem All überwachen, Computer-Programme sagen ihm, wie viel Dünger er braucht.

"Ich fahre raus und lasse meine Drohne über den Acker fliegen und schaue mir alles an. Aber natürlich gucke ich auch gerne selber ins Feld hinein und schaue, wie es den Pflanzen geht. Das ist ein Spagat zwischen Bürostuhl und Treckersitz." Statt auf dem Traktor sitzt Till Schorr aus Feldhorst im Kreis Stormann an diesem Vormittag wieder auf der Terrasse. Der Junglandwirt und Berater für Agrarmanagement-Systeme wollte eigentlich den Raps ernten, aber es ist noch zu früh. Davon hat sich der 27-Jährige auf dem Feld selbst überzeugt. Wäre es um die Mais-Ernte gegangen, dann hätte Schorr der Blick auf den Laptop gereicht. Denn anders als der Raps wird sein Mais-Feld aus dem All überwacht - von Satelliten: "Dadurch können wir alle vier bis sechs Tage aktuelle Satellitenbilder haben, die uns das Pflanzenwachstum zeigen."

Präzisions-Landwirtschaft durch Daten-Vernetzung

Für die Felder seines Hofs hat Schorr sogenannte Applikationskarten programmiert. Aus seinen Erfahrungswerten und den Daten der Satellitenbilder hat ein Programm errechnet, in welchen Bereichen die Erträge in den vergangenen Jahren besonders gut waren, wie viel Saatgut an welcher Stelle nötig ist und wo aktuell Dünger gebraucht wird. Außerdem sind die Karten mit dem Schlepper vernetzt und erfassen, was, wo und wann der Landwirt auf dem Feld getan hat. Dank der Karte und GPS steuern die großen Maschinen zentimetergenau über die Felder. Präzisions-Landwirtschaft nennt sich das. "Unsere Felder in Schleswig-Holstein sind ja nicht alle rechteckig - sondern verwinkelt, kurvig oder keilig. Daher ist diese Technik bei vielen schon Standard geworden." Fünf bis zehn Prozent an Saatgut, Dünger und Pflanzenschutzmitteln könne er dank Vernetzung und Digitalisierung sparen, sagt Schorr.

Frisst das Schwein schlecht, könnte es krank sein

Erntemaschinen, die schon vor einem möglichen Defekt den Kundendienst alarmieren; Maschinen, die punktgenau nach Bedarf düngen; kleine Roboter, die bodenschonend Unkraut zupfen - all das gibt es schon. Professor Engel Hessel vom Thünen-Institut für Agrartechnologie in Braunschweig spricht von digitalen Assistenten, die den Landwirten einen besseren Überblick verschaffen - auch in den Ställen. "Wenn ein Schwein, das bisher aktiver war als der Durchschnitt der Gruppe, das Verhalten ändert - plötzlich zu anderen Tageszeiten frisst oder weniger frisst - dann kriege ich das sehr früh heraus." Der Landwirt könne dann prüfen, ob das Tier erkrankt ist.

"Der Landwirt wird weiter gebraucht"

Noch arbeiten diese Systeme nicht autonom. Wenn zum Beispiel ein Melkroboter anhand verschiedener Daten eine Krankheit bei einer Kuh feststellt, muss weiterhin der Landwirt - also der Mensch - über die Behandlung entscheiden. "Der Landwirt wird weiter gebraucht. Ich glaube, wir brauchen den Landwirt immer. Es wäre dramatisch, wenn wir das alles Künstlicher Intelligenz überlassen würden“, meint Experte Hessel.

Oder kann sich ein Acker selbst um sich kümmern?

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Besorgt sich ein Feld künftig selbst einen Trecker, wenn es nötig ist? Experten sind unterschiedlicher Ansicht.

Dagegen hält der Wirtschaftsinformatiker und Ökonom Michael Clasen von der Hochschule Hannover autonome technische Systeme in der Landwirtschaft durchaus für möglich. Das Feld der Zukunft könnte intelligent sein, meint er: "Der Landwirt hätte dann nur noch die Aufgabe zu sagen - Acker, bitte im nächsten Jahr Weizen produzieren!" Dann würde sich der Acker - beziehungsweise sein Softwareagent im Internet - aktiv darum kümmern, dass er zur richtigen Zeit eingesät wird. "Dazu müsste er sich dann eine Sämaschine organisieren. Und wenn auch die Sämaschine eigenverantwortlich wäre, würde sie sich darum kümmern, dass das Saatgut angeschafft wird und dass ein Schlepper da ist, der sie zieht."

Präzisionslandwirtschaft hat einen mächtigen Gegner: das Wetter

Aber ist alles, was technisch möglich ist, auch nötig? Jeder moderne Traktor mit Sensoren und Telemetrie sorgt für ein klareres Bild davon, was auf den Feldern wächst. Wer diese Daten bündeln und lesen kann, könnte in Zukunft gute Geschäfte machen, glaubt Ökonom Clasen. Ein Hersteller von Pflanzenschutzmitteln zum Beispiel dürfte großes Interesse daran haben, wo sich bestimmte Krankheiten ausbreiten. Für die Landwirte aber sei der finanzielle Nutzen noch gering, so Clasen - auch wenn die Technik langfristig günstiger werden dürfte. "Wir drehen mit der Präzisionslandwirtschaft an ganz kleinen Stellschrauben, obwohl wir wissen, dass es kaum etwas bringt." Denn es gebe eine viel größere Stellschraube: "Die heißt Wetter. Und an der können wir nicht drehen. Wir sind wie ein Uhrmacher mit einem kleinen Werkzeug und daneben steht jemand mit einem großen Hammer und haut auf die Uhr drauf."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 01.08.2019 | 06:50 Uhr

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