Stand: 24.04.2020 11:59 Uhr

Seuchen - Fluch der Vergangenheit, Bedrohung der Zukunft

von Agnes Bührig

Können wir aus dem Umgang mit Seuchen in vergangenen Zeiten lernen, um die gegenwärtige Pandemie zu meistern? Das erforscht das Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule Hannover und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig derzeit für die neue Ausstellung "Seuchen - Fluch der Vergangenheit, Bedrohung der Zukunft". Im Frühjahr 2021 soll sie eröffnet werden.

Eine Grafik von Corona-Viren © Colourbox Foto: Anterovium
Diese Grafik zeigt das neuartige Coronavirus.

Ein Babykörper, aus Wachs geformt. Kopf, Arme und Beine sind intakt, doch vom Kinn bis zum Ende des Unterbauchs ist das Objekt aufgeschnitten. Offen liegt ein hellroter Lungenflügel neben dunkelroter Leber und einem Gewirr aus Gedärm. Modelle wie dieses aus Aberdeen in Großbritannien wurden vor allem im 17. Jahrhundert fleißig für den Anatomieunterricht hergestellt, sagt der Kurator der Ausstellung, Oliver Gauert: "Es gab zwei Traditionen, eine italienisch und eine holländisch begründete. Während die holländisch-französischen Werke eher sachlich sind, werden die italienischen Figuren sehr dramatisch dargestellt. Sie sind als Kunstwerk inszeniert. Oft sind es Frauen mit drapierten Haaren und einem Negligé über dem Körper - der Blick richtet sich gen Himmel. Ein Teil des Körpers ist dann gefenstert, sodass man die anatomischen Strukturen erkennt. Insofern vermischen sich da Medizin, Wissenschaft und Kunst."

Interdisziplinärer Anspruch

Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft miteinander zu verbinden, ist seit jeher ein Anliegen des Roemer- und Pelizaeus-Museums. Das auf das Altertum spezialisierte Haus schlägt in der Seuchenausstellung dabei den Bogen von der Antike bis zur Coronakrise. In 33 Stationen werden Pandemien wie Pest, Cholera und die Spanische Grippe beleuchtet. Den Anstoß zur Ausstellung gab die Beschäftigung mit Mumien, sagt Museumsdirektorin Regine Schulz: "Wir haben schon seit einigen Jahren ein großes Forschungsprojekt dazu laufen. Der spannende Aspekt für uns war, dass man nicht nur herausbekommen möchte, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt und woran die Person gestorben ist. Wir sehen darin eine enorme Relevanz für die Medizingeschichte und die moderne Medizin."

Pestarzt Dr. Chicogneau , 1720 /Kupferst. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Ein Pestarzt trägt die damals übliche Schutzausrüstung im Jahre 1720.

Nicht zuletzt, weil Seuchen bis heute eine Herausforderung für die Menschheit darstellen. Infektionskrankheiten wie das Dengue-Fieber verbreiten sich aufgrund des Klimawandels in neuen Gebieten. Die Globalisierung und ihr grenzüberschreitender Reiseverkehr trägt Krankheitserreger schnell in alle Winkel der Welt. Sich mit Masken vor ihnen zu schützen, dieser Gedanke trieb auch schon in früheren Zeiten sogenannte Pestärzte um - zumindest, wenn man Schnabelmasken auf populären Stichen und Drucken im 17. Jahrhundert Glauben schenken möchte. In der Spitze dieses Schnabels habe man verschiedene Kräuter eingebracht, von denen man hoffte, sie würden die Pestilenz, den Pesthauch, fernhalten, so Oliver Gauert. Er betont, dass dies natürlich nicht funktioniert habe. In Deutschland sein diese Masken während der großen Pest-Epidemien des Mittelalters mit Sicherheit nicht zum Einsatz gekommen. Es gäbe jedoch die Theorie, dass man sie in Frankreich und Italien tatsächlich zeitgenössisch benutzt habe. Aber auch dies sei umstritten.

Geschichte abbilden um Irrtümer aufzuzeigen

Eine Grafik von Corona-Viren © Colourbox Foto: Anterovium

AUDIO: Seuchen - Fluch der Vergangenheit, Bedrohung der Zukunft (4 Min)

Beschrieben ist hingegen, wie es in den Pest-Krankenhäusern des Mittelalters zuging. In der Ausstellung sollen die Besucher in plastisch nachgebauten Interieurs Zeugen der Hilflosigkeit damaliger Ärzte werden können, Wissenschaftlern wie Louis Pasteur in einem Hörsaal der Académie de Médicine 1880 in Paris über die Schulter gucken oder ein begehbares Aids-Virus betreten, das 100 Jahre später Weltuntergangsszenarien heraufbeschwor. Denn nicht zuletzt verfolgt die Ausstellung auch einen politischen Aspekt, sagt die Direktorin des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim, Regine Schulz: "Wir haben festgestellt, dass Leute in den letzten Jahren - gerade wenn es um Impfungen geht - immer vorsichtiger werden und sagen: 'Impfungen können auch gefährlich sein, lassen wir das doch besser.'. Das bringt natürlich große Probleme mit sich. Wenn man die Geschichte der Seuchen nun einfach mal abbildet und eben auch Möglichkeiten aufzeigt, wie man das Ganze überwinden kann und welche Rolle Maßnahmen spielen, kann man den Menschen zeigen, wo es einst Irrwege, aber auch große Erfolge gegeben hat. Darauf wollen wir aufmerksam machen."

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Dieses Thema im Programm:

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