Stand: 08.06.2020 09:47 Uhr

Warum ist die klassische Musik in den USA so weiß?

von Katharina Wilhelm

Die US-amerikanische Musikgeschichte ist untrennbar mit der Geschichte der Sklaverei verbunden. Die versklavten Afrikaner und Afrikanerinnen brachten auch ihre musikalischen Traditionen mit nach Amerika. Zusammen mit den traditionellen europäischen  Klängen verschmolzen sie dort zu Musikrichtungen wie Blues, Jazz, R&B, Techno und Hip-Hop. In diesen Genres sind schwarze Musiker und Musikerinnen häufig vertreten und überaus populär. Doch in der klassischen Musik sind sie eher selten zu finden. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Michael Morgan, Dirigent © imago/ZUMA Press Foto: Michael A. Jones
Michael Morgan ist Musikdirektor des Oakland Symphony Orchesters.

Michael Morgan, Musikdirektor des Oakland Symphony Orchesters, beschreibt es so: "Wenn Menschen an Dirigenten denken, dann denken sie nicht an Menschen, die aussehen wie wir. Und wenn sie uns ansehen, dann denken sie nicht, dass wir Dirigent sein könnten." Morgan ist einer der wenigen schwarzen Dirigenten in der Klassikwelt. Gemeinsam mit seinen ebenfalls schwarzen Kollegen Thomas Wilkins und Jonathon Heyward und Roderick Cox spricht er vor wenigen Tagen in einer Videodiskussionsrunde bei Facebook über Rassismus und Diskriminierung.

Morgan erzählt, wie er es geschafft hat, sich in der Klassikwelt als schwarzer Dirigent zu behaupten: "Wenn man jünger ist, dann macht man Fehler. Aber aus meiner Erfahrung hat man weniger Geduld bei Fehlern, wenn man nicht so aussieht, wie es erwartet wird. Bei Frauen und Minderheiten bedeutet das oft ihr Karriere-Aus."

Die Gesprächsrunde, initiiert von Dirigent Roderick Cox, findet anlässlich der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA statt. Es ist nicht die einzige Aktion, in der sich die Musiker und Musikerinnen aus dem Klassikbereich nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd äußern. Auch Orchesterbetriebe wie die LA Philharmonie haben beispielsweise beim sogenannten Blackouttuesday mitgemacht, bei dem Musiker und Musikerinnen, Plattenlabel und andere Musikbetriebe Werbung für sich oder Auftritte pausieren lassen, um die Aufmerksamkeit auf die Demonstrationen und die Stimmen gegen Rassismus zu lenken.

Der Klassikbetrieb in den USA bleibt elitär

Schwarze klassische Musik ist eher eine Randerscheinung. In den 1930er-Jahren schrieb Komponist William Dawson die sogenannte Negro Folk Symphony. Eines der sehr wenigen Beispiele klassischer Musik von schwarzen Komponisten, die heute fast in Vergessenheit geraten ist. Laut einer Studie der League of American Orchestras aus dem Jahr 2014 sind weniger als zwei Prozent der Musiker und Musikerinnen in US-amerikanischen Orchestern schwarz. Nur 4,3 Prozent der Dirigenten und Dirigentinnen sind schwarz und auch die Komponisten und Komponistinnen bleiben überwiegend weiß.

Gründe dafür liegen sicher in der Demografie, insgesamt sind nur etwa 13 Prozent der US-Amerikaner und Amerikanerinnen schwarz. Eine Rolle spielt wohl auch, dass der Klassikbereich nach wie vor recht elitär ist. Tickets sind tendenziell teuer, Klassikkonzerte, die Oper und Operetten gelten als Oberschichten-Vergnügen - das sich viele schwarze Amerikaner und Amerikanerinnen auch nicht leisten können. Noch immer arbeiten viele in Jobs, die weniger Geld einbringen - auch eine Form von strukturellem Rassismus. 

"Rassismus ist das Fehlen von Empathie"

Schwarze Dirigenten wie Brandon Keith Brown, der in Deutschland und den USA arbeitet, beobachtet: Das Publikum bleibt bei den Konzerten eher unter sich, in diesem Fall also unter Weißen. Und das gelte auch für die Musiker und Musikerinnen, erzählt Brown im Klassikpodcast "Trilloquy": "Rassismus ist das Fehlen von Empathie: Weniger Empathie haben für Menschen, die nicht aussehen, wie wir. So wird institutionalisierter Rassismus geformt. Sie stellen Leute ein, die sie kennen, Leute innerhalb ihrer Kreise. So bleibt die Besetzung in Universitäten, Orchestervorstände und die Orchester weiß."

Thomas Wilkins, Dirigent © imago/ZUMA Press
Dirigent Thomas Wilkins leitet unter anderem das Hollywood Bowl Orchester.

In der Facebook-Gesprächsrunde, in der vier schwarze Dirigenten über Rassismus in der Klassikszene sprechen, kommt man zu einem ähnlichen Schluss. Umso wichtiger sei es, dass es schwarze Vorbilder gäbe - gerade für junge Menschen, erzählt aus dieser Runde Dirigent Thomas Wilkins, der unter anderem das Hollywood Bowl Orchester leitet: "Ich erinnere mich an eine Aufführung, in die ich kurzfristig einspringen musste. Und in der ersten Reihe saßen zwei schwarze Jungs, die bekamen riesige Augen, als sie mich sahen. Ich habe ihnen zugenickt, nach dem Motto: Ja, das ist auch eine Möglichkeit für euch."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.06.2020 | 06:20 Uhr

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