Nationalbibliothek in Wien © picture alliance / VIE7143 | Leopold Nekula Foto: Leopold Nekula

"Vergessene Noten": Einmaliges Konzert in Hamburg

Stand: 07.12.2021 16:25 Uhr

"Vergessene Noten" ist das Projekt von Autor Benno Ure und Marietta Kratz, Geigerin im NDR Elbphilharmonie Orchester. Am 8. Dezember veranstalten sie in Hamburg ein Konzert mit Werken von neun vergessenen Komponistinnen.

von Peter Helling

"Es ist schon so, dass ganz häufig etwas auf dem Pult liegt, bei dem wir uns dann plötzlich angucken: "Boah". Ich sage dann immer "Herzchenstücke". Ich kenne das von Kindheit an, dass ich Herzchen auf die Noten mache, wenn sie mir besonders gefallen", erzählt Marietta Kratz, Geigerin und Konzertmeisterin im NDR Elbphilharmonie Orchester. Ihr "Herzchenstück" stammt von Gertrud Schweizer. Nie gehört? Dann sind Sie nicht allein: Sie ist eine vergessene Komponistin. Jetzt erklingt ihre Musik wieder.

Der Auslöser: Ein Hamburger Programmzettel in Wien

"Es ist ein großes Erlebnis. Man macht ein Notenblatt auf, spielt es und weiß: Das ist seit 100 Jahren nicht zu hören gewesen. Das ist ein großes Gefühl", sagt Benno Ure. Er ist Autor und leidenschaftlicher "Notenjäger". Zusammen mit Marietta Kratz leitet er das Projekt "Vergessene Noten" schon seit mehr als zehn Jahren. Es geht dabei um Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor zwei Jahren passierte es: "Zunächst machte ich eine Entdeckung in der Nationalbibliothek in Wien. In einer Biografie einer Vergessenen taucht dieses Programm auf: neun Komponistinnen, Neue Musik, 1931. Das war so spannend. Neun Vergessene. Neun Schicksale."

Ein Programmzettel, mehr nicht: ein Konzert am 8. Dezember 1931 im Logenhaus der Freimaurer in der Welckerstraße, wenige Meter entfernt von der Hamburgischen Staatsoper. Ein einmaliger Fund. Sofort hat Ure damals bei Kratz angerufen. Dieses Konzert sollte man wiederholen - am selben Ort, 90 Jahre danach. "Vor allen Dingen war die Idee dahinter eine Hommage für vergessene Frauen, die es in dieser Zeit noch einmal schwerer hatten", erzählt Ure. "Es gab ja ganz wenige Konzerte mit neuer Musik in dieser Zeit."

Notenjagd von Europa bis in die USA

Benno Ure machte sich auf die Jagd nach den Noten. Der Programmzettel wies ihm den Weg: "Das Suchen nach Schicksalen und nach vergessenen Noten ist eine echtes Abenteuer. Da ist alles dabei: Suchen im Archiv, im Antiquariat, in den USA, in Europa und in den Niederlanden in irgendwelchen Rathäusern nach vergessenen biografischen Stücken und abgelegten Mappen."

Ure fand neun völlig diametrale Schicksale. Gertrud Schweizer ist 1942 in Auschwitz ermordet worden. "Gertud Schweizer ist wirklich vergessen", berichtet Ure. "Alles, was in der Nationalbibliothek in Wien übrig blieb: einige Notenblätter, sechs Lieder, zwei Postkarten und zwei Fotos. Mehr ist von ihr nicht geblieben. Man weiß nicht, wie sie lebte, wie sie litt, wen sie liebte. All das ist nicht mehr bekannt."

Neun Komponistinnen, neun vergessene Schicksale

Neun Frauen aus fünf Ländern, fünf davon mit jüdischem Hintergrund. Das Jahr 1931 in Hamburg: Man spricht über eine Ausstellung von Ernst Barlach im Kunstverein, im Kino läuft Charlie Chaplins "Lichter der Großstadt" und die SA-Horden grölen in den Straßen. Etwas Bedrohliches steht am Horizont. Und dann diese Musik voller Energie und Lebenslust. Ganz große Gefühle bei Natalja Prawossudowitsch.

Die Freimaurer

Etwa 15.000 Freimaurer gibt es in Deutschland. Sie stehen nach eigenen Angaben für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität und bezeichnen sich selbst als politisch und religiös unabhängig. Außerdem unterstützen sie Menschen in Not.

Die Freimaurer stammen ursprünglich aus England. Dort wurde 1717 die erste sogenannte Großloge in London gegründet. 20 Jahre später entstand in Hamburg die erste Loge Deutschlands. Zu den Freimaurern zählten Mozart, Lessing, Goethe, Schiller, Voltaire, Mark Twain, George Washington, Henry Ford, Louis Armstrong, John Wayne und Charlie Chaplin.

Die Freimaurerei war ursprünglich männlich geprägt. Mittlerweile gibt es aber auch etwa 400 Freimaurerinnen in Deutschland.

"Es ist eine Herausforderung, weil ich aus dem Manuskript singe und da sind ein paar orthographische Fehler drinnen. Das ist wie Handschrift lesen von vor 90 Jahren. Aber die Musik ist großartig und macht richtig Spaß", sagt die Sopranistin Marcia Lemke-Kern. Spätromantische Musik lässt sich da finden, Zwölftonmusik, berührende Melodien. Alle neun Komponistinnen waren erfolgreich in ihrer Zeit. Ole Brunke, der Vertreter der Hamburger Freimaurer, freut sich besonders: "Exakt vor 90 Jahren, genau dieser Ort in einem anderen Haus - denn das ist erst 1969/70 wieder neu erbaut worden."

Eine Komponistin ging in die USA und wurde zu einer der Mitbegründerinnen des Broadways. Die Tochter einer russischen Jüdin lebt heute in England und schwärmt bis heute vom Berlin der 20er-Jahre. Eine andere spielte mit George Gershwin und Charlie Chaplin und starb völlig verarmt. Dieses Konzert - auf den Tag 90 Jahre danach und am selben Ort - bringt ihre Musik wieder zurück.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 07.12.2021 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

Adaption als Gemälde des Fotos von Georg Wendt, in dem Kanzlerin Angela Merkel von Loris gebissen wird (Foto der Picture Alliance) © picture alliance/dpa Georg Wendt Foto: Georg Wendt

Wer könnte Angela Merkel fürs Bundeskanzleramt malen?

Merkels Porträt soll ins Bundeskanzleramt: Aber wie sieht es aus - und wer malt es? Wir spekulieren mal... mehr