Stand: 19.10.2019 13:00 Uhr

Premiere der Verdi-Oper "Rigoletto" in Schwerin

von Karin Erichsen

Das Mecklenburgische Staatstheater hat seine Musiktheater-Saison am Freitag mit einer mitreißenden, aktuellen und musikalisch exzellenten Produktion eröffnet.

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Rigoletto (Yoontaek Rihm) schneidet seiner Tochter (Anne Rabe) die Haare ab. Sie kann es kaum fassen.

Rigoletto trägt in dieser Inszenierung das Gesicht des Jokers. Genauso wie es derzeit von vielen Kinoplakaten boshaft auf uns herab lächelt: weiße Haut, tiefe dunkle Augen und einen übergroßen, rot geschminkten Mund, dessen starres Grinsen bis weit zu den Wangenknochen hinauf reicht. Und dass auch Rigoletto, der Lustige, in Wahrheit abgrundtief böse ist, davon ist die Hofgesellschaft von Mantua überzeugt. Sie lacht zwar mit dem Herzog über die Späße des Hofnarren, fürchtet seine beißende Rede aber mehr als jede Klinge.

Rigoletto als verletzlicher Spötter

Die Zuschauer werden gleich zu Beginn der Vorstellung Zeugen wie Rigoletto den Grafen von Monterone mit seinem Sarkasmus vernichtet. Der Graf war für die Ehre seiner Tochter eingetreten, die zuvor als einziges, weibliches Lustobjekt auf einer bizarren Herren-Party des Herzogs verführt - oder treffender: missbraucht - worden war. Der Fluch des verzweifelten Grafen trifft den Spötter ins Herz, denn Rigoletto hütet ein Geheimnis: Auch er besitzt eine geliebte Tochter, die er von der verdorbenen Gesellschaft abgeschieden in seinem kleinen Haus versteckt.

Schöne Tochter hinter hohen Mauern

Das weite Bühnenbild von Malte Lübben mit seinen riesigen, drehbaren Spiegeln, die den luxuriösen Festsaal des Herzogs so schlicht wie treffend darstellen, verengt sich zu einem klaustrophobisch kleinen Raum, wenn das Publikum die schöne junge Gilda kennenlernt. Wie in einem Gefängnis mit hohen Mauern - die Rückseiten zweier Spiegelflächen - verbringt die Tochter Rigolettos ihre Tage im Hause des Vaters. Zum Zeitvertreib malt sie mit Kreide die Wände voll, mit allem, was ihr vertraut ist, zum Beispiel einer Kirche oder dem weinenden Gesicht des Narren. Zuhause ist Rigoletto ein anderer. Hier lacht er selten, hier ist er voller Liebe, Zärtlichkeit und Angst um Gilda, den einzigen Menschen, der auch ihn, einen Buckligen, wiederliebt.

Refugium kann Gilda nicht schützen

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Der Herzog von Mantua (Matheu Pompeu) ist so übergriffig wie stets und macht sich heran an Gilda (Anna Rabe), Tochter von Rigoletto.

Aber auch dieses abgeschlossene Refugium spürt der junge Herzog von Mantua mit unbeirrbarem Selbstvertrauen, unstillbarem Lebenshunger und untrüglichem Instinkt für das sinnliche Abenteuer auf. Natürlich erobert der Frauenheld Gilda im Sturm, ein Griff an ihre jugendliche Brust genügt, die Unerfahrene zu entflammen. Er reicht ihr einen Apfel, in den er selbst schon vielfach gebissen hat. Sie kostet im Hause des Vaters vorerst nicht davon, wird dann aber unter fataler Mitwirkung Rigolettos in die Gemächer des jungen Eroberers entführt.

Leichtfüßig und beschwingt: Herzog als potenter Prolet

Die Inszenierung von Alexandra Liedtke ist in ihren Bildern, ihrer Stringenz und ihrem Anspielungsreichtum überwältigend. Sie verleiht der Geschichte hohe Aktualität. Und das mit Hilfe großartiger Darsteller. Eine faszinierende Gestalt ist der brasilianische Tenor Matheus Pompeu als Herzog von Mantua. Er gibt keine historische Figur, sondern spielt einen potenten jungen Proleten, den vitalen Anführer einer wahrscheinlich kriminellen Bande, den die Männer für seine Lässigkeit, die Frauen für seine Unverschämtheiten bewundern. Das enge, schwarze Hemd unter seiner goldenen Kunstlederjacke trägt er bis zum Bauchnabel geöffnet, eine starke behaarte Brust tritt hervor. Der Kopf ist rasiert, der Vollbart gestutzt. Der ganze Mann strotzt vor Kraft. Die Stimme passt perfekt dazu: keine Spur von Unsicherheit oder Schwäche. Pompeu kann aus dem Vollen schöpfen, er spart sich nicht auf. Kraftvoll ist sein Ton, mitunter leidenschaftlich ausufernd, geradezu aufreizend vital. Nach gut zwei Stunden kann er sich noch leichtfüßig und beschwingt verabschieden mit seinem erschütternd deplatzierten "La donna è mobile": Der Herzog begreift nichts von dem Drama, dass sich soeben abgespielt hat.

Herausragende Solisten: Matheu Pompeus und Anna Rabe

Die erst 22 Jahre alte Anna Rabe bezaubert als Gilda. Ihr Sopran ist schlank und strahlend, in den Höhen wunderbar zart glänzend. Anrührend spielt sie das unschuldige Opfer in diesem packenden Musikdrama, überzeugt sowohl in ihrer Hingabe und unbeirrbaren Liebe für den Herzog, als auch in der zärtlichen Zuneigung zu ihrem Vater. Mit Matheu Pompeus und Anna Rabe konnte das Mecklenburgische Staatstheater zum Beginn der Opernsaison zwei herausragende junge Solisten engagieren, mit Yoontaek Rhim als Rigoletto einen Trumpf aus dem Ensemble ausspielen. Es war bewegend, wie er allein durch seine Stimme alle Facetten und jeden Abgrund seiner Rolle ausloten konnte: die Liebe und Verzweiflung, den Hass und Rachedurst gleichermaßen.

Überzeugende Nebenfiguren: Dämon und Dirne

Genial waren auch die Nebenfiguren besetzt, zum Beispiel der über zwei Meter große Bass Artem Wassnezow als Auftragsmörder Sparafucile, der mit animalischen Bewegungen immer wieder um Rigoletto schlich und ihm als sein Dämon die Rachegelüste in die Seele träufelte. Oder Itziar Lesaka als Dirne Maddalena: ein aufreizendes, weibliches Gegenstück zum Herzog. Wenn sie sich zwischen seine Schenkel kniet, wird die Inszenierung explizit erotisch, allerdings ohne dass die Zuschauer viel nackte Haut sehen würden.

Opernchor mit grotesken Kostümen

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Der unbequeme Spaßmacher Rigoletto (Yoontaek Rihm) und viele andere sind in Aufruhr.

Die musikalische Leitung hatte der italienische Dirigent Andrea Sanguineti. Und mag es auch ein Klischee sein: die Mecklenburgische Staatskapelle spielte diesen Opernabend unter seine Leitung auf besonders mitreißend italienische Weise. Sie verwandelte sich organisch vom zarten Begleiter zum wilden Aufrührer zum spöttischen Kommentator des Bühnengeschehens. Und auch der Männerchor beeindruckte, wie er dynamisch Spannungen aufbaute oder bewegende Szenen im stimmgewaltigen Tumult ersterben ließ. Malte Lübben hatte die Herren vom Opern- und Extrachor mit grotesken Kostümen ausgestattet: Enge Slips zur Smoking-Oberteilen, Schottenröcke, kurze Hosen zu nackten Oberkörpern oder Felljacken. Die Herren bewegten sich souverän darin.

Grandioser Saisonauftakt

Mit Alexandra Liedtkes "Rigoletto" ist dem Mecklenburgischen Staatstheater ein grandioser Auftakt in die neue Musiktheater-Saison gelungen. Und wer meint, er hätte diese Oper schon zu oft gesehen, sollte noch einmal hingehen. Denn diese Produktion könnte die beste sein, die auch der Kenner seit langem erlebt hat.

Premiere der Verdi-Oper "Rigoletto" in Schwerin

"Rigoletto" von Giuseppe Verdi gilt nicht nur durch die Arie "La donna è mobile" als Inbegriff der italienischen Oper. Am Freitag feierte sie am Mecklenburgischen Staatstheater Premiere.

Art:
Konzert
Datum:
Ende:
Ort:
Mecklenburgisches Staatstheater
Alter Garten 2
19055  Schwerin
Telefon:
0385 53 00-123
E-Mail:
kasse@mecklenburgisches-staatstheater.de
Preis:
8 - 56 Euro
Kartenverkauf:
Theaterkasse:
Di - Fr: 10-18 Uhr
Sa: 16-18:30 Uhr

Abendkasse: Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kunstkaten | 03.11.2019 | 19:00 Uhr