Kristjan Järvi © NDR/Peter Adamik

"Musical Chain": Gemeinsame Werke trotz räumlicher Distanz

Stand: 04.12.2020 17:10 Uhr

Im Orchester Baltic Sea Philharmonic spielen Musiker aus den vielen verschiedenen Anrainerstaaten der Ostsee. Das macht das gemeinsame Spielen in der Corona-Zeit besonders schwierig.

von Juliane Voigt

Um trotzdem weiter gemeinsam Musik machen zu können, hat Dirigent Kristjan Järvi das Projekt "Musical Chain" gestartet. "Musical Chain", heißt übersetzt schlicht "musikalische Ketten". Die Orchester-Musiker spielen einzeln ihre Musik ein, drehen sich selbst für das Video und am Ende wird dies zu einem großen Werk zusammengesetzt und auf dem eigenen Youtube-Kanal veröffentlicht. Was als Notbehelf im ersten Lockdown geschaffen wurde, ist mittlerweile zu einer ganz eigenen Art der Orchestermusik geworden.

"Ascending Swans": Das neueste Werk der Baltic Sea Philharmonic

Schneewälder, Gletscher, dann ein Szenenwechsel, ein Cellist lehnt an einem Baum im Herbstwald, inmitten eines Bergbachs steht ein Hornist. Symbolische Bilder, wie die Musiker eben jetzt zusammen spielen. Jeder sucht sich einen Lieblings-Platz und dann geht es los. "Ascending Swans" (übersetzt: "aufsteigende Schwäne") heißt das aktuelle "Musical Chain"-Video der Baltic Sea Philharmonic.

Idee geboren aus der Not

Die Idee ist natürlich aus der Not geboren worden. Denn was macht ein Dirigent, wenn seine Orchester-Mitglieder vereinzelt über Europa verteilt im Lockdown festsitzen? Im Frühjahr war das die einzige Möglichkeit, einen gemeinsamen Klang überhaupt noch herzustellen. Die Stimmen aller Instrumente wurden einzeln eingespielt und im Studio von Kristjan Järvi in Estland gemischt. Jetzt ist etwas ganz Neues daraus entstanden. "Es war ein Entwicklungsprozess und eine großartige Möglichkeit für jeden, mal Produzent zu sein oder Schriftsteller, Koautor, Komponist und das teilweise zu verwirklichen, es ist eine Möglichkeit, gemeinsam kreativ zu sein", sagt der Orchester-Chef.

Für alle Musiker ein ganz neuer kreativer Prozess

Musikerinnen und Musiker beim Eröffnungskonzert des Usedomer Musikfestivals auf der Bühne in Ahlbeck mit Orchesterchef Kristjan Järvi © Geert Maciejewski / Usedomer Musikfestival Foto: Geert Maciejewski
Der Auftritt beim Usedomer Musikfestivals im September in verkleinerter Besetzung war einer der wenigen Bühnenauftritte des Baltic Sea Philharmonic in 2020.

Die Musik ist das eine. Am Mischpult werden aber auch elektronischen Sounds dazu arrangiert. Für die Videos filmen sich die knapp 21 Musikerinnen und Musiker selbst. In kurzen Sequenzen sind sie zu sehen. In der Natur oder zu Hause. Dazwischen: emotionale Bilder elementarer menschlicher Regungen - Angst, Liebe, Verlust, Schmerz und Freude. "Sich selbst aufnehmen, alles aus verschiedenen Perspektiven: Das ist etwas, was wir als klassische Musiker so vorher nicht gemacht haben", sagt der Bratschist Maximilian Procop, der seine Parts aus Berlin geschickt hat. "Es war ein unglaublicher Lernprozess für uns alle und genauso für Kristjan. Die ersten Versuche, die klangen katastrophal, als er uns alle Stimmen übereinandergelegt vorgespielt hat. Es klang irgendwie wie ein Schulorchester."

Inzwischen gibt es drei Videos in perfekter Klangqualität. Inspiriert von klassischen Werken. Die Morgenstimmung von Edvard Grieg war der Anfang. Die 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven inspirierte zu sehr modernen Sounds.

Erinnerung an den baltischen Weg

Für Kristjan Järvi steht neben der gemeinsamen Arbeit eine viel größere Idee hinter all dem. Es soll daran erinnern, als Esten, Letten und Litauer im Jahr 1989 eine Menschenkette über 600 Kilometer bildeten, um für ihre Freiheit zu demonstrieren. Jetzt sind die Orchestermitglieder die verbindende Kraft. "Natürlich haben wir uns das überlegt. Es nimmt jemand den Ball auf, hält ihn eine Weile, spielt mit ihm, gibt ihn weiter, das ist der Hauptgrund für den Namen Musical Chain", erklärt der Dirigent. "Es ist eine Kette, die aus der irrwitzigen Situation einer geschlossenen Gesellschaft entstanden ist."

Für Ksenia Ivakina ist diese Art zusammen zu spielen neu und aufregend. Sie schätzt Kristjan Järvi, weil er, immer positiv denkt. "Es ist etwas Neues, etwas Frisches, etwas völlig anderes, nicht nur die Remixe, viel tiefer, sage ich, natürlich ordne ich die Stücke darin an, und ich glaube, er hat eine Goldmine gefunden", sagt die russische Geigerin. Dass sie über halb Europa verstreut jetzt täglich zusammen arbeiten, ist auch für den Klarinettisten Alexey Mikhaylenko ein Symbol: "Dieses Orchester ist ein Beispiel für eine utopische Gesellschaft. Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern arbeiten zusammen und bringen etwas sehr Schönes auf die Bühne. Und obwohl wir mit Kristjan gerne über Politik streiten, gab es im Orchester nie Konflikte darüber." Im Dezember kommt wieder ein neues Video raus: Dann mit Klängen aus Tschaikowskys "Nussknacker".

Vom Orchester Baltic-Sea Philharmonic ist gerade die neue CD "Sleeping Beauty" herausgekommen - eine kompositorische Bearbeitung von Tschaikowskys Dornröschen-Ballett. Das Orchester wird vom NDR unterstützt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 04.12.2020 | 19:00 Uhr

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