Stand: 11.05.2019 10:13 Uhr

"Le Grand Macabre": Weltuntergang in der Elbphilharmonie

von Daniel Kaiser

So hat man die Elbphilharmonie noch nie gesehen. Oder gehört. Mit Autohupen, Eieruhren, Trillerpfeifen, Mundharmonikas und einem Spitzen-Ensemble hat das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Alan Gilbert die satirische Weltuntergangsoper "Le Grand Macabre" des Komponisten György Ligeti (1923-2006) aufgeführt. Das Publikum war begeistert.

Was für eine Ouvertüre! Die Oper beginnt mit zwölf Autohupen im Takt. Diese groteske Fanfare der Apokalypse ist der Beginn eines originellen Klangrausches in einer der verrücktesten Opern der Musikgeschichte.

Der ganze Saal wird bespielt

Ein Scharlatan sagt den Weltuntergang voraus und bringt das Leben im fiktiven Breughelland durcheinander. Der Regisseur Doug Fitch bespielt den ganzen Saal. Es klingt und singt von vorne und hinten, von oben und unten. Irgendwo geht immer eine Saaltür auf und ein Bläserensemble legt los.

Zwei konstümierte Sängerinnen in der Aufführung der Oper "Le Grand Macabre" in der Elbphilharmonie.

Oper "Le Grand Macabre": Grotesk und großartig

Hamburg Journal -

Mit György Ligetis "Le Grand Macabre" hält die Apokalypse Einzug in der Elbphilhamonie. Dirigent Alan Gilbert wollte mit dem Opernspektakel provozieren - und das hat er geschafft.

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Scheinwerfer tauchen die Halle in dramatisches Licht, die normale Saalbeleuchtung flackert apokalyptisch (Lichtdesign: Clifton Taylor). Man kann sich nicht sattsehen an den grotesken Kostümen (Catherine Zuber), die irgendwo zwischen Alice im Wunderland und dem "Herrn der Ringe" angelegt sind.

Pyjama unterm Propheten-Gewand

Ein Betrunkener (mit grandiosem Spiel: Mark Schowalter) torkelt singend mit einer Riesenflasche in der Hand durch die Reihen. Die Chefin der Geheimpolizei (Audrey Luna) singt atemberaubend artistisch ihre verschlüsselten Botschaften, die die Witzfigur von Fürst (Anthony Roth Costanzo) Mühe hat zu entschlüsseln. Ein dramatischer Höhepunkt ist, als eine schaurige Unheils-Prozession langsam durch die Zuschauerreihen zieht - angeführt vom Unheilspropheten (Werner van Mechelen) mit Weltuntergangs-Krone und in dramatisch rotem Umhang. Dass er darunter nur einen weißen Pyjama trägt, weiß noch keiner im Breughelland. In Doug Fitchs rauschhafter Inszenierung verwandelt sich der Konzertsaal in eine funkelnde, klingende Märchenwunderkiste.

"Le Grand Macabre": Spektakel in der Elphi

Der verfremdete "Entertainer"

Das Ganze ist gespickt mit Humor und mit aktuellen Seitenhieben gegen Populisten. "Bla, bla, bla, collusion, bla", lässt Fitch einen der korrupten Politiker deklamieren, die die Verfassung nur auslachen. Der Chor wirft vom Rang mit Papierkugeln auf ihn. Dazu erklingt die irrwitzige Musik des Ungarn György Ligeti, der lange in Hamburg gelebt und hier auch diese Oper geschrieben hat. Immer wieder blitzen weltbekannte Klänge als Zitate auf, wie der "Can Can" von Offenbach oder Scott Joplins "Entertainer" - verfremdet und verzerrt.

Charme von Monty Python

Auf Leinwänden werden Filmchen und Bilder mit Monty Python-Charme gezeigt, die auf einem großen Tisch live auf der Bühne inszeniert und gedreht werden. Im Publikum wird viel gelacht: über Brexit-Witze, Gilbert-Anspielungen ("You are new!") und über die SM-Episode zwischen dem Weichei-Astronomen (Wilbur Pauley) und seiner Peitsche schwingenden Frau (Heidi Melton).

Auf der Bühne sprühen Funken

Einige wenige Zuschauer kommen nach der Pause nicht wieder. Aber die, die bleiben, erleben zwei Stunden mitreißende Avantgarde-Musik. Und mit dieser rauschhaften Inszenierung ist es keine Sekunde langweilig. Auf der Bühne sprühen Funken zwischen dem klaren Dirigat des neuen Chef-Dirigenten Alan Gilbert und dem Orchester, das hörbar mit Leidenschaft dabei ist. Gerade die Percussionisten eilen den ganzen Abend von Autohupen zu Klanghölzern, zu Trillerpfeifen und klingelnden Eieruhren.

Neue Möglichkeiten in der Elbphilharmonie

Ein Liebespaar (Elizabeth Watts und Marta Fontanals-Simmons), das sich am Anfang unter Absingen eines herzzerreißenden Duetts in ein Grab verzogen hat, um sich zu vergnügen, verschläft das ganze Weltuntergangsdrama und beendet die Oper mit einer fast schon tonalen Passacaglia - wie in einem Finale bei Richard Strauss. Man möge vor dem Tod keine Angst haben, sondern heiter das Leben im Vergnügen genießen, singen sie. Diese Musik klingt dann überhaupt nicht mehr schrill, sondern eher traurig. Leben nur mit Lust ist eben wahrscheinlich auch keine beglückende Alternative. Lebendig, witzig und auch mal albern: Dieser Abend hat noch einmal ganz neu gezeigt, was in der Elbphilharmonie alles möglich ist, wenn man den Saal mit seinen Stärken und Schwächen ernst nimmt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 11.05.2019 | 13:20 Uhr

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