CD-Cover: Daniil Trifonov - Silver Age © Deutsche Grammophon

Daniil Trifonovs Hommage an Russlands "Silbernes Zeitalter"

Stand: 06.11.2020 10:23 Uhr

Auf seinem neuen Doppelalbum "Silver Age" beleuchtet der Pianist Daniil Trifonov Komponisten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts für große Begeisterung in Westeuropa sorgten und für eine neue Ära, für das Silberne Zeitalter der russischen Kunst, standen.

von Chantal Nastasi

Alexander Scriabin strebte nach einem klingenden Gesamtkunstwerk. Eine Verbindung von Licht, Farben, Tönen und Bewegung schwebte dem russischen Komponisten vor. Ein eher selten aufgeführtes und schwieriges Werk setzt Trifonov mit Scriabins fis-Moll Klavierkonzert aufs Programm, ihm zur Seite das ungeheuer aufmerksame und mitgestaltende Mariinsky Orchester unter Valery Gergiev. Scriabin komponierte das Konzert als 24-Jähriger innerhalb einer Woche und wagte damit harmonisch und satztechnisch Neues. "Rachmaninow und Scriabin waren Vertreter der jüngeren Komponistengeneration um die Wende zum 20. Jahrhundert", schreibt Trifonov im Booklet seines neuen Doppelalbums. "Aber Rachmaninow betrachtete eher sehnsüchtig den Horizont, während sich Scriabin die Welt dahinter ausmalte", so Trifonov weiter.

Über jede technische Schwierigkeit erhaben

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Der Pianist Daniil Trifonov im Porträt. © picture alliance / AP Images Foto: Jo Iwasa

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Viel weniger spirituell und transzendental ging es 1907 in Paris zu. Der russische Impressario Sergej Diaghilev, der später die berühmten "Ballets russes" ins Leben rufen sollte, präsentierte russische Musik: Scriabins Dritte Sinfonie wurde uraufgeführt sowie Werke von Tschaikowsky, Rimsky-Korsakov und Glinka. Die Begeisterung des Pariser Publikums ebnete Diaghilevs Wirken den Weg und damit verbunden Werken von Strawinsky, wie seinem berühmten "Feuervogel", hier in einer Version für Soloklavier.

Trifonov ist über jede technische Schwierigkeit erhaben, scheint durch die temporeichen Stücke dieses Doppelalbums zu fliegen: Strawinskys Petruschka, Prokofjews Sarkasmen und sein 2. Klavierkonzert. Mit und ohne Orchesterbegleitung zeigt Trifonov anhand mehrerer Werke die Silberne Epoche der russischen Kunst, die nicht nur eine literarische war, sondern sich auch in der Musik zeigte.

Facettenreiches Doppelalbum

"Silver Age" heißt folgerichtig diese Stückzusammenstellung. Wie sehr sich Komponisten wie Prokofjew, Scriabin und Strawinsky am Sprachrhythmus der russischen Dichtung orientierten, auch wenn sie manchmal musikalisch provozierten, stellt Trifonov nicht nur im lesenswerten und ausführlichen Booklet heraus. Sein Spiel ist von unterschiedlichsten Farbschattierungen geprägt. Seine Anschlagspalette reicht - wie man es von ihm bereits kennt - von zart-elegischen bis hin zu pulsierenden, kraftvoll-expressiven Klängen.

Das Beeindruckende: Nie verliert Trifonovs Ton an Transparenz, nie wird die Musik eine Plattform zur Selbstdarstellung. Ein dichtes, facettenreiches Doppelalbum und eine eindrucksvolle Hommage an Russlands "Silbernes Zeitalter".

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AUDIO: Daniil Trifonov - Silver Age (4 Min)

Silver Age

Label:
Deutsche Grammophon

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 08.11.2020 | 15:20 Uhr

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