Teodor Currentzis © Alexandra Muraveva

Currentzis in Hamburg: Rauschhafte Musik und offene Fragen

Stand: 06.10.2022 09:57 Uhr

Mit seinem neuen Orchester-Projekt "Utopia" hat Teodor Currentzis das Publikum in der Hamburger Laeiszhalle restlos begeistert. Zum Krieg in der Ukraine schweigt der Dirigent, der wegen seiner Nähe zu russischem Geld immer wieder in der Kritik steht.

von Daniel Kaiser

Teodor Currentzis tanzt, tupft, hüpft, rudert, spielt Luft-Geige und duelliert sich scherzhaft mit den Celli. Zuverlässig beim letzten, kraftvollen Ton schaut er immer wie ein Torero über die Schulter ins Publikum. Currentzis hat ein Händchen für Show. Er ist ein Pyrotechniker am Pult. Das Publikum ist mit- und hingerissen. Es gibt Jubelstürme nach jedem Stück. 

Alte Hasen mit Jugendorchester-Vibes

Die Stimmung auf der Bühne ist frisch wie bei einem Jugendorchester auf Sommertour - nur eben mit 1.000 Jahren Erfahrung. Mehr als 100 Spitzenmusikerinnen und -musiker aus 30 Ländern hat Currentzis für das Projekt "Utopia" um sich versammelt. Nach dem Auftakt in Luxemburg muss für die Deutschland-Premiere in der Laeiszhalle die Bühne vergrößert werden, damit das ganze Orchester Platz findet. Die Geigen spielen im Stehen.

Weltklasse im Piano 

Für den "Utopia"-Auftakt hat sich Currentzis für besonders effektvolle Werke entschieden: Strawinskys "Feuervogel" und von Ravel der eskalierende Walzer "La Valse" sowie die Ballettmusik "Daphins et Chloe". Da trillert, vibriert und funkelt es in jedem Takt. Die Spielfreude des Orchesters ist mit Händen zu greifen. Die Musikerinnern und Musiker haben sich in nur vier Proben-Tagen atemberaubend aufeinander eingestimmt. Es sind dabei aber gar nicht so sehr die Bizeps-Karacho-Stellen mit Pauken, Trompeten und Krawumm, die herausragen. Weltklasse sind vor allem die anrührenden, leisen Momente des Abends.

Brause-Mäzen finanziert "Utopia"

Es ist eine kleine Sternstunde in der Laeiszhalle, die seit Eröffnung der Elbphilharmonie eher ein an Höhepunkten ärmeres Schattendasein führt. Man könnte glatt vergessen, dass es gerade eigentlich nicht so gut für Currentzis läuft. Immer wieder gibt es Kritik an seiner Nähe zu russischen Banken und an seinem Schweigen zum Krieg in der Ukraine. Gerade hat die Kölner Philharmonie ein Konzert mit ihm abgesagt. Auch das SWR Orchester hat künftig einen anderen Chefdirigenten. Das neue Projekt "Utopia" wird anders als das Currentzis-Ensemble MusicAeterna offenbar nicht von russischem Staatsrubel ermöglicht. Das suggeriert jedenfalls das Programmheft in seinen wolkigen Formulierungen. Dort wird von "europäischen Geldgebern" gesprochen - darunter Dietrich Mateschitz, Gründer von Red Bull.

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Bewusst unpolitisch 

Angeblich ist "Utopia" ein schon seit Jahren geplanter Herzenswunsch Currentzis’ - jetzt wirkt es tatsächlich gerade wie eine idealistische, harmonische Antwort des Ausnahmemusikers auf die kritischen Anfragen. Politik spielt an diesem Abend keine Rolle. Weder auf der Bühne noch im Publikum. Schade eigentlich. Ein klares Wort des Dirigenten hätte das mulmige Gefühl und letzte Schatten über einem grandiosen Konzert vertrieben. Kunst und Kultur sind immer auch politisch. 

Ohrwurm als Zugabe

"Zur Zugabe etwas Leises" scherzt Currentzis. Ein Raunen geht durchs Publikum, als es das Stück erkennt: Der Bolero von Ravel. Hier haben die herausragenden "Utopia"-Musiker die Möglichkeit, in ihren Soli noch einmal Weltklasse zu zeigen. Musikalisch war das ein herausragender Start eines versöhnlichen Projektes. Die Fragen an Currentzis, seine Haltung und seine Verantwortung bleiben.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 06.10.2022 | 06:20 Uhr

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