CD-Cover: Sonya Yoncheva - Rebirth © Sony Classical

CD der Woche: Sonya Yoncheva - Rebirth

Stand: 20.04.2021 11:31 Uhr

Dieses Album ist aus der Stille geboren. Aus der Stille der Pandemie. So haben wir die bulgarische Opernsängerin Sonya Yoncheva bisher noch nie erlebt. Die derzeit vielleicht beste Verdi-Violetta besinnt sich auf ihre Anfänge im Bereich der Alten Musik.

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von Philipp Cavert

Pure Kontemplation. Ein bulgarisches Volkslied aus dem Mittelalter, eine Tierfabel, die von einem Lamm erzählt, das für Reinheit steht. Und für die Geduld all jener, die Ungerechtigkeit erleben. Musik in Kategorien einzuteilen - dieser Idee kann Sonya Yoncheva nicht viel abgewinnen. Nonvibrato verschmilzt ihre Sopranstimme geradezu mit der Capella Mediterranea in einem Lamento von Alessandro Stradella.

Der unmittelbare Gefühlsausdruck will nicht von Kunstmusik "gestört" werden. Der Barockmusik-Spezialist Leonardo García Alarcón, bei dem Sonya Yoncheva in Genf studiert hat, unterstützt dieses Konzept, indem er behutsam eine Aura schafft, mit Instrumenten wie Erzlaute, Gambe und Theorbe.

Von den Anfängen der Oper bis in die Moderne

Das Cover der CD zeigt Sonya Yoncheva mit offenem Haar und weißem Gewand, wie sie mit geschlossenen Augen auf einer Wildblumenwiese an Blüten schnuppert. Eine Druidin, ganz von ihrer Intuition geleitet.

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Diverse CD-Cover © NDR Online Foto: Christiane Irrgang

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Die Arien-Blütenlese führt von den Anfängen der Oper in Italien über England nach Spanien zu Thomás de Torrejón y Velazco und einer modernen Oper des Ensembleleiters dieser CD: Leonardo Garcia Alarcón. Dazwischen setzen Instrumentalstücke farbenfrohe Akzente.

"Rebirth" heißt das Album - Wiedergeburt. Es zeigt, dass uns bestimmte musikalische Stile in 500 Jahren überraschend nahe geblieben sind und immer wieder neu belebt werden.

Sonya Yoncheva lässt zarte Kantilenen in der Höhe aufblühen. In den Balladen reicht ihr Spektrum von fein phrasiertem Frühbarock bis zur Kraft des Verdi-Soprans, wenn die Gefühlssteigerung danach verlangt. Es berührt, wie natürlich und unakademisch diese Wechsel gelingen und im Ausdruck jedes Mal überzeugen.

Ein Echo zwischen den Zeiten

Das Schlussstück habe ich nicht auf Anhieb erkannt; wegen der feinen Begleitung mit Harfe, Flöte und Streichern, aber auch, weil ich es hier kaum erwartet hätte: ein Arrangement von "Like an Angel Passing through my Room". Völlig anders in der Herangehensweise als bei der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter.

Thematisch verwandt ist dieser ABBA-Song mit der Motette "Hear Me, O God" von Alfonso Ferrabosco! Sie beruht auf denselben vier Noten - so entsteht ein Echo zwischen den Zeiten. Dieses Album zeigt, wie mit reduzierten Mitteln großes vollbracht werden kann; das ist möglich und gerade in dieser Zeit mutmachend.

Rebirth

Label:
Sony Classical

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 04.04.2021 | 15:20 Uhr

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