Stand: 26.07.2019 07:46 Uhr

Bayreuth 2019 - so war "Tannhäuser"

von Sabine Lange

"Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig!" Das hat Richard Wagner bekannt, und es ist kein Wunder, dass er nie wirklich fertig wurde mit diesem Stoff um den mittelalterlichen Sänger. Denn er berührt Wagners eigenes Leben und Schaffen. Wohin zielt die Kunst? Wie lebt man ein wahres Leben? Das sind Fragen, mit denen sich jetzt in Bayreuth der Regisseur Tobias Kratzer auseinandergesetzt hat. Er hat Wagners "Tannhäuser" neu inszeniert - die Premiere eröffnete die 108. Bayreuther Festspiele.

Best-of Bayreuth 2019

Die Wartburg aus der Vogelperspektive. Die thüringischen Wälder. Ein Kleinbus, der in Richtung Bayreuth unterwegs ist. Dieser Film läuft zur Ouvertüre und zieht uns hinein in Tannhäusers Welt. Mit Venus ist er unterwegs, in einem freien, lustbetonten, spontanen Leben, das keine Regeln kennt. Oskar, Günter Grass' Blechtrommler, ist bei ihnen, der nie erwachsen werden will. Und Le Gateau Chocolat, die Drag Queen aus London.

Sabine Lange © NDR Foto: Christian Spielmann

"Tannhäuser" - Inszenierung polarisiert

NDR Kultur - Klassisch in den Tag -

Auf dem Grünen Hügel in Bayreuth wurden bei brütender Hitze die 108. Bayreuther Richard-Wagner-Festspiele eröffnet. Regisseur Tobias Kratzer gab sein Debüt mit der Oper "Tannhäuser".

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"Tannhäuser" als eine Art Roadmovie

Kratzer spielt mit diesem Roadmovie auf die Entstehung der Oper an: Wagner selbst hat beschrieben, dass er während einer Kutschfahrt durch Thüringen auf die Idee gekommen sei, seinen "Tannhäuser" zu komponieren. Jetzt also die Fahrt im Kleinbus. Das bunte Quartett versteht Wagners revolutionäres Motto von damals "Frei im Wollen, frei im Tun, frei im Genießen" so, dass die vier klauen, was sie brauchen: Benzin, Fast Food, was auch immer. Als Venus dabei bedenkenlos einen Polizisten überfährt, wird es Tannhäuser zu viel mit der Libertinage. Er kehrt zurück in seine alte Welt - das ist in dieser Inszenierung das Bayreuther Festspielhaus. Symbol der arrivierten Hochkultur, Sehnsuchtsort der wagnerschen Kunstreligion. In der säkularisierten Gesellschaft pilgert man nicht mehr nach Rom zum Papst, sondern zum Event auf den Grünen Hügel.

Rasant, detailverliebt, witzig

Tannhäuser wird gebeten, in der Aufführung einzuspringen, die Tobias Kratzer als Theater auf dem Theater in einem mittelalterlich anmutenden Saal inszeniert - eine Freude für alle Fans der einstigen Wolfgang-Wagner-Inszenierungen. Per Videoprojektion wird parallel gezeigt, was hinter den Kulissen passiert: Als Tannhäuser auf der Bühne die Beherrschung verliert, alarmiert Katharina Wagner von ihrem Büro aus die Polizei. Die stürmt das Festspielhaus. Tannhäuser wird verhaftet. Im 3. Akt kehrt er als Obdachloser zurück, verbrennt wütend den Tannhäuser-Klavierauszug und strandet an der Leiche seiner geliebten Elisabeth, die sich seinetwegen umgebracht hat.

Starke Frauen - selbst im Scheitern

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Wagner hat beschrieben, dass er während einer Kutschfahrt durch Thüringen auf die Idee gekommen sei, seinen "Tannhäuser" zu schreiben. Jetzt also die Fahrt in einem Kleinbus.

Rasant, detailverliebt, witzig, aber auch emotional packend hat Tobias Kratzer diesen "Tannhäuser" auf die Bühne gebracht. Sein Ensemble um Tannhäuser Stephen Gould war nicht nur stimmlich gut disponiert, sondern auch ungewöhnlich spielfreudig. Elisabeth (Lise Davidsen) und Venus (Elena Zhidkova) gaben starke Frauen, die auch im Scheitern noch faszinierten. Sie avancierten zu Publikumslieblingen. Markus Eiche war ein sonorer und darstellerisch ebenso überzeugender Wolfram von Eschenbach.

Im Orchestergraben debütierte Valery Gergiev, ein ausgewiesener Wagner-Kenner, der gestern aus dem Orchester allerdings nicht die Brillanz herauslocken konnte, die man von ihm kennt. Über längere Strecken klang das Ensemble zu undifferenziert. Erst im 3. Akt gab es wirklich berührende Momente. Gergiev musste am Ende einige kräftige Buhs einstecken.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 26.07.2019 | 11:20 Uhr

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