Anna Netrebko in der Elphi: Zwiespältiges Konzertvergnügen

Stand: 09.09.2022 09:21 Uhr

Das Konzert von Anna Netrebko und Ehemann Yusif Eyvazov war ein musikalisches Highlight - aber auch ein Politikum. Die lautstarken Reaktionen vor und in der Elbphilharmonie blieben friedlich.

von Peter Helling

Demonstranten mit Blau-Gelben Bannern stehen auf der Straße vor einem Haus. © picture alliance / HERWIG G. HOELLER / APA / picturedesk.com | HERWIG G. HOELLER Foto: HERWIG G. HOELLER
Auch einige Tage zuvor in Wien gab es eine Demonstration wegen eines Auftritts von Anna Netrebko in der Wiener Staatsoper.

Nachdem sie ihr Konzert im März wegen des Kriegsausbruchs in der Ukraine abgesagt hatten, holten Anna Netrebko und ihr Ehemann Yusif Eyvazov jetzt ihr Konzert in der Elbphilharmonie nach. Vor dem Konzerthaus stehen gestern Abend ein paar Dutzend Demonstrierende. Sie skandieren laut "Netrebko, go home!". Viele haben Ukraine-Fahnen um die Schulter geschlungen und Pappschilder in der Hand, auf denen sie der Operndiva Anna Netrebko eine zu große Nähe zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin vorwerfen.

Eine Demonstrierende aus der Ukraine beklagt: "Das ist eine russische Sängerin, die öffentlich Putins Politik unterstützt, die Annexion der Krim. Es ist nicht zu begreifen, dass sie heute hier auftritt." Eine andere sagt, "wir wollen, dass auch die Menschen, die zum Konzert kommen, wissen, wem sie da heute zuhören. Musik und Politik lassen sich nicht trennen." Skandalös finden sie, dass morgen ein Solidaritätskonzert für die Ukraine im selben Saal stattfindet.

Die Stimmung ist aufgeheizt, einige tragen T-Shirts, die blutbefleckt aussehen. Dennoch unterstreichen sie den friedlichen Charakter ihrer Aktion. Proteste hatte es schon vor Netrebko-Konzerten in Wien, Köln und Regensburg gegeben. Nachdenklich reagiert eine Zuschauerin vor dem Konzert, nachdem sie die Proteste gesehen hat. Sie betont, "ihr Herz gehört der Ukraine", die Karte habe sie aber schon seit einem Jahr, "insofern wollten wir da jetzt unbedingt hin". Sie erhoffe sich ein Statement der weltberühmten Sängerin.

Jeder vierte Platz in der Elphi bleibt leer

Das Statement der Künstlerin bleibt aus. Tatsächlich ist das Konzert eine glänzende Aneinanderreihung großer Arien, mal mit und mal ohne Ehemann Yusif Eyvazov. Manchmal singt als Dritte Elena Zhidkova. Allerdings sind zahlreiche Stuhlreihen leer geblieben, mindestens jeder vierte Platz bleibt frei. Auch der Applaus brandet nicht sofort auf. Man hat das Gefühl, Publikum und Diva müssen sich erst wieder aneinander gewöhnen.

Geburtstagsfeier im Kreml

Dafür gibt es Gründe: Anna Netrebko hat vor einem Jahr ihren 50. Geburtstag im Kreml gefeiert. Sie hat sich nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 öffentlich mit einem Separatistenführer gezeigt und einen Scheck überreicht. Nach Kriegsausbruch im Februar wurden zahlreiche Konzerte mit ihr abgesagt. Im März distanzierte sich Anna Netrebko dann über ihren Anwalt vom Krieg. Das brachte ihr wiederum Kritik und sogar Konzertabsagen in Russland ein. Allerdings sind ihre Aussagen oft sehr vage, selten persönlich und haben meistens den Unterton, Politik und Kunst müsse man trennen.  

Kein Statement von Netrebko

Vor dem Konzert hat die ukrainische Generalkonsulin scharfe Kritik am Auftritt geübt, nannte ihn ein "Fest inmitten der Pest". Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie, unterstreicht zwar sein Unbehagen vor dem Konzert, sagt aber auch, gegen eine Saalvermietung könne er rechtlich nichts machen.  Die Situation sei "komplex". So feurig Anna Netrebkos Arie aus "Lucia di Lammermoor", so fabelhaft dräuend Isoldes Liebestod: Es bleibt ein mulmiges Gefühl. Denn, ein paar spröde Worte an das Publikum hätten geholfen, um zumindest das Dilemma zu benennen, in dem sie als Künstlerin steckt.

Standing Ovation erst spät

Die gewohnten stehenden Ovationen lassen auf sich warten. Nur ganz zum Schluss, in den Zugaben, springt der Funke über: als nämlich die Netrebko einen begeisterten Zuschauer aus der ersten Reihe, einen älteren Opernenthusiasten, zu sich auf die Bühne zieht. Der schmettert einige Takte mit, und das Publikum dankt es mit tosendem Applaus. Man weiß nicht ganz, wen es damit meint, den Opern-Fan, die Diva, die glänzende Philharmonie Baden-Baden oder gar sich selbst: Erleichterung darüber, dass das Konzert ohne großen Skandal über die Bühne geschnurrt ist.

Nachdenkliche Reaktionen des Publikums

Man hat das flaue Gefühl, dass Anna Netrebko genau diesen Moment gesucht hat: ein Publikum, das ihr endlich, trotz allem, zujubelt. Die Reaktionen im Anschluss sind bei aller Begeisterung differenziert und nachdenklich, einer erinnert daran, "dass ihre ganze Familie noch da lebt, man muss pragmatisch sein." Ein anderer Zuschauer sagt, man habe andere Möglichkeiten, die Ukraine zu unterstützen, als Anna Netrebko zu boykottieren, "indem wir zum Beispiel Gas sparen oder Strom".

Eine Zuschauerin findet, bevor man Netrebko boykottiere "müssten ja alle aus der SPD austreten, weil Schröder ein Freund von Putin ist". Sie findet, Krieg und Kunst sollte man trennen. Einige Zuschauer und Zuschauerinnen beteuern beinahe entschuldigend, sie hätten ihr Ticket schon lange vor Ausbruch des Krieges gekauft. Nach diesem zwiespältigen Konzertvergnügen fahren alle still mit der Rolltreppe hinunter in die Hamburger Nacht. Auch vor der Elbphilharmonie stehen keine Protestierenden mehr.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 09.09.2022 | 18:30 Uhr

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