Stand: 18.05.2020 12:02 Uhr  - NDR Kultur

100 Jahre Händel-Festspiele Göttingen

von Elisabeth Richter

Ausgerechnet im Jahr des 100-jährigen Jubiläums müssen die Göttinger Händel-Festspiele infolge der Corona-Krise ausfallen. Doch die Geschichte des Festivals und der damit verbundenen "Göttinger Händel-Renaissance" wird ausführlich online dokumentiert. Unter anderem in einer digitalen Ausstellung des Städtischen Museums Göttingen und auf der Internetseite des Festivals. Darüber hinaus werden zahlreiche musikalische Beiträge und Interviews zur eigentlichen Festspiel-Zeit (20. Mai bis 1. Juni) verfügbar sein.

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Szene aus der Händel-Oper "Admeto" in einer Inszenierung von Doris Dörrie.

Georg Friedrich Händel zählt heute zu den meistgespielten Opern-Komponisten weltweit. Bis vor 100 Jahren waren seine über 40 Opern jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten, geschweige denn gespielt worden. Kenner wussten natürlich von ihnen. 1920 wurde mit der Aufführung der Oper "Rodelinda" erstmals eine Händel-Oper in neuerer Zeit realisiert (auf Deutsch als "Rodelinde"). Mit dieser Oper fällt nur zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs der Startschuss für die Wiederentdeckung von Händels Bühnenwerken nach einem 200-jährigen Dornröschenschlaf. Man spricht von der "Göttinger Händel-Renaissance".

"Wir haben eine Frau, deren Mann im Krieg gefallen ist, die alleine ist mit ihrem Kind. Das wird sicher auch ein Sujet gewesen sein, das sehr viele inhaltlich stark angesprochen hat", sagt Tobias Wolff, Intendant der Händel-Festspiele Göttingen über Händels "Rodelinda".

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Initiator ist der Kunsthistoriker Oskar Hagen, ein exzellenter Amateur-Musiker, der in Halle, also Händels Geburtsstadt, studiert hatte. Seine Bearbeitung der "Rodelinde" für die Göttinger Aufführung auf Deutsch ist so erfolgreich, dass sie in den 1920er-Jahren 136 Mal auf anderen deutschen Bühnen nachgespielt wird. Die Kulturanthropologin Andrea Rechenberg, Leiterin des Städtischen Museums Göttingen erklärt: "Händel wurde auch als Deutscher wiederentdeckt. Man versucht ihn sozusagen dem ehemaligen Kriegsgegner, den Engländern, wieder zu entreißen."

Man besinnt sich auf deutsche Kultur und leckt sich damit auch die Wunden der Demütigungen durch die Versailler Verträge, die Deutschland die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuschrieben. Künstlerisch ist man in den Anfangsjahren mit modernen expressionistischen Bühnenbildern innovativ.

Digitale Ausstellung des Städtischen Museums

Während der Nazi-Zeit arrangieren sich die Händel-Festspiele mehr oder weniger geschickt mit den Machthabern, die Inszenierungsästhetik ändert sich zu einem neo-barocken Stil. Intendant Tobias Wolff sieht aus heutiger Perspektive einen Rückschritt: "Mit einem modernen, wachen Geist hat es dann tatsächlich nichts mehr zu tun. Das ändert sich nach dem Krieg nicht stark, da gibt es auch erst mal keine wesentlichen szenischen Inszenierungen."

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Intendant Tobias Wolff blickt zurück auf 100 Jahre Händel-Festspiele.

Heute sieht man in Göttingen viele verschiedene Regie-Handschriften. Musikalisch steht die historische Aufführungspraxis im Zentrum, seit John Eliot Gardiner 1980 die Leitung übernahm. Vorher hatte der renommierte Dirigent Günther Weißenborn für hochklassige Aufführungen mit Sängerstars wie Dietrich Fischer-Dieskau gesorgt. 2022 wird nach drei britischen Dirigenten ein Grieche die Leitung übernehmen: George Petrou. Er möchte vieles ganz anders machen, so sagt er, und es wagen, das Festival neu zu definieren.

Viele Aufführungen werden 2021 nachgeholt

Kein anderes Händel-Festival hat so eine lange und kontinuierliche Tradition wie die Händel-Festspiele Göttingen, die wegen der Corona-Krise 2020 leider ausfallen. Einiges ist online verfügbar, und vieles soll im kommenden Jahr nachgeholt werden.

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100 Jahre Händel-Festspiele Göttingen

18.05.2020 20:00 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 18.05.2020 | 14:20 Uhr

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