Stand: 25.07.2015 10:26 Uhr  | Archiv

Wie eine Schmuddelstraße zur Top-Adresse wird

"Da standen doch immer abends die Nutten herum." So oder so ähnlich schildern viele Hamburger ihre markantesten Eindrücke von der Großen Elbstraße in Hamburg. Vor allem in den 90er-Jahren boten dort Prostituierte ihre Dienste an. Es waren vor allem ältere Frauen, die auf der nahegelegenen Reeperbahn nicht mehr zum Zuge kamen. Und Filmemacher Jürgen Roland drehte in der Straße gerne seine Verfolgungsjaden, weil die Häuser so schön verfallen aussahen. Heute ist die Meile, die am weltberühmten Fischmarkt beginnt, an vielen Ecken nicht wiederzuerkennen. Sie hat sich zum Geheimtipp für Besucher gemausert. Für Immoblienmakler zählt sie sogar zu den Top-Adressen Norddeutschlands.

Die Große Elbstraße früher und heute

"Der Fischmarkt hat als Hamburgensie verloren"

Der größte Trubel herrscht immer sonntags früh. Dann ist Fischmarkt-Zeit. Der Hafen und die Fischauktionshalle am Anfang der Großen Elbstraße bieten die passende Kulisse. Busladungen an Touristen kommen. "Der Fischmarkt hat als Hamburgensie zuletzt leider etwas verloren", sagt Quartiersmanager Götz Weisener im Gespräch mit NDR.de. Es gebe immer mehr Socken- und Textilstände. "Und wenn demnächst noch einige Urgesteine wie Aale-Dieter in Ruhestand gehen, besteht die Gefahr, dass der Fischmarkt - ohne die typischen Marktschreier - nur noch ein Markt wie viele andere ist." Es geht also darum, die alte Fischereihafen-Tradition in die heutige Zeit zu retten. Das könnte auch das Motto für die gesamte Große Elbstraße sein.

Bürger-Proteste gegen Luxus-Wohnturm

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Die Luxuswohnungen im Hochhaus "Kristall" (links) punkten mit einem grandiosen Hafen-Blick.

Vieles hat sich in den zurückliegenden Jahren geändert. Es gibt einen neuen, 800.000 Euro teuren Radweg. Und fast jede Baulücke ist nun gefüllt - nicht immer zur Freude der Anwohner. So ragt zum Beispiel am Holzhafen der "Kristall" empor. Der 72 hohe Turm mit Luxuswohnungen hatte schon vor dem Bau viele Gegner. Eine Bürgerinitiative wollte das Hochaus direkt an der Wasserkante verhindern: Es sei eines der wenigen noch unbebauten Grundstücke am Elbufer. In der Tat ist bei einem Spaziergang auf der Großen Elbstraße der Fluss meist nur zu erahnen. Aber der Senat verhinderte kurzerhand einen möglichen Bürgerentscheid. Die Wohnungen in dem Turm können sich nur Millionäre leisten - höhere Quadratmeter-Preise werden laut Medienberichten in Norddeutschland nur vereinzelt an der Alster, in der Hafencity und in Kampen auf Sylt ausgerufen.

Nächtliches Treiben in den Markthallen

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Nur in der Nacht bieten die Großhändler in den Fisch-Markthallen ihre Waren an.

Was kaum ein Hamburger weiß: Den Fischmarkt gibt es nicht nur sonntags, sondern jeden Wochentag. Und zwar gut versteckt in den Markthallen auf Höhe des Kreuzfahrtterminals. Tagsüber sind die Hallen menschenleer, aber nachts herrscht dort reges Treiben. Gegen Mitternacht beginnen die alteingesessenen Fisch-Großhändler, ihre Ware zu verkaufen - unter anderem an Restaurant-Betreiber, Supermärkte und Fischgeschäfte. "Jeder siebte Fisch, der in Deutschland auf den Tisch kommt, ist bei uns gehandelt worden", sagt Matthias Funk. Er ist Geschäftsführer der Fischmarkt Hamburg-Altona GmbH. Wer möchte, könne sich den Fisch-Handel in der Nacht gerne mal anschauen. "Aber wir achten darauf, dass der Markt nicht zum Rummelplatz wird. Es ist halt ein seriöser Handelsplatz", sagt Funk.

Die Kühlhäuser sind längst umgebaut

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Das letzte verbliebene Kühlhäuser an der Großen Elbstraße sollen auch noch umgebaut werden.

Seit den 80er-Jahren habe sich der Fischhandel in Altona enorm gewandelt, erzählt Funk. Damals hätten die Trawler noch am Kai um die Ecke angelegt. Eine Hamburger Fischfang-Flotte gibt es längst nicht mehr. Heutzutage wird die Ware vor allem aus Norwegen, Dänemark, Island oder aus Bremerhaven angeliefert. Auch die meisten Tiefkühlhäuser auf der Großen Elbstraße sind seit mindestens 15 Jahren umgebaut - nur eine Anlage wird noch genutzt. Aber auch für dieses Kühlhaus gibt es neue Pläne. Dort soll das "Areal West" entstehen - mit einer gläsernen Fisch-Manufaktur sowie Platz für Restaurants und Büros. Ein Architektur-Wettbewerb endete bereits 2010, aber der Baustart ist noch nicht in Sicht.

Im Schatten der Reeperbahn

Mit dem "Areal West" wäre die bauliche Entwicklung der Großen Elbstraße weitgehend abgeschlossen, sagt Quartiersmanager Weisener. Künftig gehe es darum, die Meile bekannter zu machen. "Während es auf St. Pauli - rund um die Reeperbahn - ja schon fast inflationär viele Führungen gibt, sind wir noch nicht so weit", sagt Weisener. Bislang habe es Führungen zur Geschichte der Großen Elbstraße nur am Tag des offenen Denkmals im Herbst gegeben. "Ziel ist es, die Führungen häufiger anzubieten - zumindest einmal im Monat", verrät Weisener.

"Eine Art Mönckebergstraße an der Elbe"

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Wolfgang Vacano setzt sich dafür ein, dass die reichhaltige Geschichte der Großen Elbstraße nicht vergessen wird.

Wolfgang Vacano ist derjenige, der die Führungen bislang durchführte. Der Gründer und Leiter des Altonaer Stadtarchivs kennt die Geschichte der Großen Elbstraße bestens. "Die Straße ist die Wiege und das Herz Altonas", sagt Vacano. In den 1920er-Jahren sei Altona die europäische Fisch-Hauptstadt gewesen - noch vor Hamburg. 1934 hätten dann die Nationalsozialisten die beiden Fischmärkte Hamburg und Altona vereint. Durch das Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 gehörte Altona fortan zu Hamburg. Vacano ist stolz auf die Geschichte Altonas. Ihn schmerzt es, dass nicht mehr Touristen herkommen. "Es wäre doch toll, wenn die Große Elbstraße eines Tages eine Art Mönckebergstraße an der Elbe sein könnte", malt sich Vacano die Zukunft aus.

Dieses Thema im Programm:

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