Stand: 09.03.2012 14:14 Uhr  | Archiv

Marion Gräfin Dönhoff - Mut und Engagement

von Stefanie Grossmann, NDR.de

Verantwortung und Widerstand

In den folgenden Jahren ahnt sie schon früh die Gefahr eines Krieges. Als ihre Brüder 1939 in den Kampf ziehen, übernimmt sie die Verwaltung von Friedrichstein. Marion Gräfin Dönhoff trägt damit nicht nur die Verantwortung für das Familiengut, sondern auch für die beiden Söhne ihrer früh verstorbenen Schwester Christa. Ihr Schmerz sitzt tief, als beide später an der Front fallen. Mit den zunehmenden Hetzreden führender Nationalsozialisten manifestiert sich bei Marion Gräfin Dönhoff der Wille zum Widerstand. Sie übernimmt die Rolle einer Informantin innerhalb ihres Freundeskreises von Gleichgesinnten - der zivilen Gruppe um die Bewegung des 20. Juli 1944. Dank ihrer guten Verbindungen kann sie wichtige Botschaften zwischen Ostpreußen und Berlin austauschen.

Nach dem gescheiterten Anschlag auf Hitler werden die meisten Mitglieder hingerichtet. Dank ihrer Verschlossenheit und eines glücklichen Zufalls überlebt Dönhoff. Sie beschreibt ihren Verlust der Freunde in ihrem Buch "Erinnerungen an ihre Freunde vom 20. Juli - Um der Ehre willen", das 1994 erscheint. Es endet mit dem Satz: "Nichts konnte schlimmer sein, als alle Freunde zu verlieren und allein übrig zu bleiben."

Nach dem Verlust der Freunde folgt Anfang 1945 der Verlust der Heimat. Im Januar 1945 flüchtet Marion Gräfin Dönhoff vor der russischen Armee nach Westen. Auf ihrem Pferd Alarich legt sie eine 1.200 Kilometer lange Strecke zurück bis nach Westfalen. Verbitterung über die Vergangenheit ist ihr fremd, zum Verlust der familiären Güter sagt sie später weise: "Vielleicht ist das der höchste Grad der Liebe: zu lieben, ohne zu besitzen."

Aufbruch in ein zweites Leben

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Marion Gräfin Dönhoff engagiert sich für die Aussöhnung mit Osteuropa und wird dafür ausgezeichnet.

Ein Memorandum über ihre getöteten Freunde des 20. Juli bringt sie 1946 zur Wochenzeitung "Die Zeit" nach Hamburg. Sie dringt in eine typische Männerdomäne ein und arbeitet dort zeitlebens ohne Vertrag, weil sie "frei" sein will - ihr Anfangsgehalt beträgt 600 Mark. Sie profitiert von ihren Sprachkenntnissen, Auslandsaufenthalten und ihren Beziehungen. Charakteristisch ist ihre Distanz zur Redaktion - und umgekehrt. Obwohl sie ihren Mitarbeitern anbietet, sie Marion zu nennen, bleibt sie stets "die Gräfin". Sie übernimmt das Politikressort, was für sie aber nicht bedeutet, nur darüber zu schreiben, sondern sich auch konkret einzumischen.

Dönhoff wird zu einer scharfen Kritikerin Adenauers und setzt sich konsequent für eine kompromissbereite Ostpolitik ein. Trotz des Verlustes der eigenen Heimat ist ihr die Aussöhnung mit Polen wichtig. Die "Zeit" trägt dazu bei, dass Willy Brandt 1969 Kanzler wird. Nicht nur politisch, auch menschlich steht der SPD-Politiker Marion Gräfin Dönhoff am nächsten. 1971 erhält Dönhoff für ihr Engagement für die Aussöhnung mit Osteuropa den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Ihre Zeit bei der "Zeit"

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Theo Sommer, Hilde von Lang, Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt beim 40-jährigen Geburtstag der "Zeit" 1986.

1955 wird sie Politikchefin. Die "Zeit" wächst stetig in Umfang und Auflage und findet weltweit Beachtung. Marion Gräfin Dönhoff pflegt immer Kontakt zu jüngeren Menschen. Sie setzt auch bei der "Zeit" auf Jugend - männliche - indem sie Theo Sommer und Haug von Kuenheim dazuholt. Beide verkörpern ihr Idealbild eines Mannes: groß, schlank, blond und blauäugig. Theo Sommer wird in den kommenden 40 Jahren ein enger Vertrauter. Sie steigt in der Hierarchie der "Zeit" weiter auf und wird am 1. Juli 1968 Chefredakteurin. Die Gräfin fühlt sich wohl in ihrer Männerwelt - ihr Verhältnis zu Frauen bleibt meist distanziert. Auf die Frage von Mitarbeiterinnen der Zeitschrift "Emma", was wäre, wenn sie 1970 zwanzig gewesen wäre, antwortet Dönhoff: "Dann wäre ich wohl bei der APO gewesen." Sie konnte sich nicht vorstellen, in einer Gruppe von Frauen für deren Rechte zu kämpfen.

1972 tritt sie als Chefredakteurin zurück und wird ein Jahr später Herausgeberin der Wochenzeitung. Sie zieht sich mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft zurück, sitzt aber trotzdem fast jeden Tag an ihrem Schreibtisch im sechsten Stock des Hamburger Pressehauses, wenn sie nicht auf Reisen im Ausland ist.

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Marion Gräfin Dönhoff - hier 1999 in ihrem Büro in Hamburg - arbeitet bis ins hohe Alter.

Nach ihren Rückzug aus dem aktiven Redaktionsleben hat sie Zeit für andere Tätigkeiten: Sie initiiert ein Hamburger Wohnprojekt für Strafentlassene und gründet eine Stiftung, die Intellektuellen aus Osteuropa Aufenthalte für Studien und Recherchen finanziert. 1999 ernennt ihre Wahlheimatstadt Hamburg die Gräfin - als zweite Frau nach Ida Ehre - zur Ehrenbürgerin.

Marion Gräfin Dönhoff stirbt am 11. März 2002 im Alter von 92 Jahren auf Schloss Crottorf in Rheinland-Pfalz, dem Wohnsitz ihres Neffen.

Dieses Thema im Programm:

27.12.2009 | 12:00 Uhr

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