Stand: 09.10.2015 15:22 Uhr  | Archiv

Walter Jens - ein Querdenker mischt sich ein

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Als eloquenter, kritischer Gesprächspartner war Walter Jens gern gesehener Gast in Talk-Shows.

Er ist bekannt als Vordenker, gesellschaftskritischer Beobachter und Meister des geschliffenen Wortes: Walter Jens gehört zu den großen deutschen Intellektuellen der Nachkriegszeit.

Ein akademischer Senkrechtstarter

Geboren wird Jens am 8. März 1923 als Sohn eines Bankdirektors und einer Lehrerin in Hamburg. Nach dem Abitur an dem humanistischen Gymnasium Johanneum in Hamburg studiert er Germanistik und klassische Philologie zunächst in seiner Heimatstadt, dann in Freiburg. Ein Asthmaleiden verschont ihn davor, als Soldat eingezogen zu werden. Nach seiner Promotion kurz vor Kriegsende arbeitet er als wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Hamburg und Tübingen.

Protest gegen den Totalitarismus

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Walter Jens wurde 1950 Mitglied der "Gruppe 47" um Hans Werner Richter (links).

Jens habilitiert 1949 mit 26 Jahren in Tübingen. Ab 1950 gehört er zum Literaten-Kreis "Gruppe 47" um Hans Werner Richter. Im selben Jahr gelingt ihm auch der Durchbruch als Schriftsteller: Der Roman "Nein. Die Welt der Angeklagten" entsteht als Protest gegen totalitäre Macht unter dem Eindruck von Nationalsozialismus und Stalinismus.

Jens mischt sich ein

Von 1963 bis 1988 hat Jens in Tübingen den eigens für ihn eingerichteten und bundesweit ersten Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik inne. Der engagierte Demokrat mischt sich stets in die öffentlichen Debatten, vor allem über politische Themen, ein. So auch in den frühen 80er-Jahren, als er in der Friedensbewegung den sogenannten NATO-Doppelbeschluss kritisiert. Er protestiert gegen die Stationierung von Pershing-Raketen in Westdeutschland. Zusammen mit bekannten Schriftstellern wie Heinrich Böll sowie Theologen beteiligt er sich 1983 an der "Prominentenblockade" am Pershing-Depot in Mutlangen. Und damit nicht genug: In den 90er-Jahren versteckt Jens während des zweiten Golfkrieges desertierte US-Soldaten in seinem Haus.

2006 zieht Jens sich wegen einer Demenzerkrankung aus der Öffentlichkeit zurück. Er stirbt am 9. Juni 2013 in seiner Wahlheimat Tübingen - dem Ort, an dem er mehr als 30 Jahre als Professor für Allgemeine Rhetorik dozierte.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 10.06.2013 | 19:05 Uhr

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