Stand: 01.12.2011 12:00 Uhr

Christa Wolf - Kritisiert und geehrt

von Bernd Neugebauer
Bild vergrößern
Christa Wolf zu Gast im Rolf Liebermann Studio des NDR

"Dass die Zeit uns verkennen muss, ist ein Gesetz" - der Satz aus Christa Wolfs "Kein Ort. Nirgends." (1977) kennzeichnet auch ihre eigene Karriere als Schriftstellerin. Spätestens seit dem internationalen Erfolg ihres Romans "Kassandra" (1983) als gesamtdeutsche Schriftstellerin gefeiert, wurde Wolf nach der Wende vom westdeutschen Feuilleton nur noch auf ihre Nähe zum DDR-Regime reduziert. Am 1. Dezember 2012 starb Christa Wolf im Alter von 82 Jahren in Berlin.

Die deutsche Teilung ist aus dem Werk der Schriftstellerin, die zuletzt in Berlin und Mecklenburg wohnte, nicht wegzudenken, ihr politisches Engagement hat die Reaktionen auf Person und Werk bestimmt. Sowenig sich jedoch ihre Nähe und ihre Konflikte mit dem DDR-Regime auf einen einfachen Nenner bringen lassen, lässt sich Wolfs Literatur auf die politischen Aspekte reduzieren.

Der geteilte Himmel

Bild vergrößern
Christa Wolf im Gespräch mit Konrad Wolf (l.) und Hermann Kant (r.) am 25.11.1965 in Ost-Berlin.

Nach ihrem Studium der Germanistik und der Arbeit als Lektorin veröffentlicht die 1929 im heute polnischen Landsberg/Warthe geborene Wolf 1961 zunächst nur in der DDR ihr erstes Prosawerk "Moskauer Novelle". Der im folgenden Jahr erscheinende Roman "Der geteilte Himmel" findet auch im Westen Beachtung.

Wolf, seit 1949 SED-Mitglied und davon überzeugt, der Sozialismus stelle die wünschenswertere Gesellschaftsform dar, setzt sich in dem Werk mit den Folgen der deutschen Teilung auseinander. Es stößt - wie bei dem Thema zu erwarten - bei den Kulturoffiziellen der DDR nicht auf ungeteilte Begeisterung: Zwar erhält Wolf den Heinrich-Mann-Preis der DDR und das Buch wird zwei Jahre später von der DEFA verfilmt, doch werden "große Lücken in der Darstellung der Republik und ihrer Menschen" bemängelt.

Nicht nur die Wahl des Themas, auch die literarische Form des Romans gehe nicht wie gewünscht mit der herrschenden Ideologie konform. "Der geteilte Himmel" wird als "zu modern" kritisiert - soll heißen: nicht genügend im Sinne des "Sozialistischen Realismus" gestaltet. Die nachfolgende Erzählung "Juni-Nachmittage" markiert ihre Wendung zu einem realistischeren Stil, den sie selbst als "subjektive Authentizität" bezeichnet und der fortan charakteristisch für ihr Werk ist. Dass Wolf im Gegensatz zur von der offiziellen Doktrin geforderten Objektivität auf das subjektive Moment in der Literatur setzt, bringt sie immer wieder in Konflikte mit der Obrigkeit - Konflikte, die Wolf bei aller Nähe zum Regime nicht scheut.

Im Visier der Stasi

Parallel zu den künstlerischen Differenzen mit der Staatsführung, der Wolf fast selber angehört hätte, entwickeln sich politische. Wolf, die nach eigener Aussage seit Beginn der 60er-Jahre zunehmend davon enttäuscht ist, wie der "real-existierende Sozialismus" ihre utopische Vorstellung einer gerechten Gesellschaft ersetzt, verliert 1967 nach einer kritischen Rede vor dem Zentralkomitee der SED ihren Status als Kandidatin für das höchste Parteigremium. Als das Ehepaar Christa und Gerhard Wolf 1976 gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert, wird sie aus dem Schriftstellerverband der DDR, ihr Mann auch aus der Partei ausgeschlossen. Das schon länger im Visier der Staatssicherheit stehende Ehepaar wird daraufhin über Monate auch ganz offen ausgespäht. 

Kein Land. Nirgends

In der Folge erwägt Christa Wolf, die inzwischen in Berlin und Mecklenburg wohnt, die DDR zu verlassen, entscheidet sich aber dagegen: Im kapitalistischen Westen sieht sie keine Alternative zum Sozialismus. Trotz ihres Engagements für Biermann bedient sich auch die Staatsführung weiterhin der Schriftstellerin als Aushängeschild sozialistischen Kultur-Fortschritts und privilegiert Wolf: Sie ist Mitglied der Akademie der Künste, wird 1977 mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet und darf ins westliche Ausland reisen.

Die Probleme zwischen dem Staat und der prominenten Schriftstellerin werden im 1979 erschienenen "Kein Land. Nirgends" sichtbar. Anhand einer fiktiven Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und der romantischen Dichterin Karoline von Günderrode setzt sich Christa Wolf mit der Frage des Scheiterns des Schriftstellers in der Gesellschaft auseinander. Es fällt schwer Sätze wie "Da ich mich auf List und Verschmitztheit nicht verstehe, habe ich schweigen gelernt" nicht als Kommentar der Haltung der Autorin zu ihrem Staat zu verstehen.

Anerkennung im Westen

Bild vergrößern
Christa Wolf nimmt am 16.10.1980 in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis entgegen.

Dabei ist die Erzählung auch ein Beispiel für Wolfs literarischen Anspruch. Sprachliche Klischees vermeidend arrangiert die Autorin die Stimmen der Personen in einem komplexen Gewebe. Wer spricht, was Rede, was nur Gedanke ist, wird ebenso absichts- wie kunstvoll verwischt. Die Ehrungen im Westen - unter anderem erhält sie mit dem Büchnerpreis im Jahr 1980 die bedeutendste Literarurauszeichnung der Bundesrepublik - sind daher auch nicht als "Belohnung" für eine systemkritische Haltung sondern als Anerkennung ihres literarischen Schaffens zu werten.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 18.03.2019 | 07:20 Uhr

Mehr Kultur

26:29
NDR Kultur