Stand: 04.10.2018 10:40 Uhr

Leistungssport

Die kleine DDR war ein sportlicher Riese. Bei Olympischen Spielen brachten ihre Sportler sogar die USA und die Sowjetunion in der Medaillenwertung in Bedrängnis. Siege der Leichtathleten, Rodler, Handballer, Schwimmer oder Turner waren auch Tagesgespräch in den VEB und PGH, in LPG und an Schulen. Die Flut von Goldmedaillen brachte häufig auch Abwechslung in den alltäglichen Frust und machte viele Menschen stolz auf die sportlichen Erfolge. Die Sportler selbst hatten außer Ehre und Anerkennung verhältnismäßig wenig von ihren Triumphen: ein paar Tausend Mark, eine Neubauwohnung, eine Kuba-Reise oder ein vorfristig gelieferter Wartburg nehmen sich recht bescheiden aus. Zumindest im Vergleich zu ihren Rivalen aus dem Westen, die ihre Erfolge oft vermarkten konnten.

"Das schönste Gesicht des Sozialismus"

So nannte eine amerikanische Zeitung verzückt die Eiskunstläuferin Kati Witt, als sie 1984 Olympiasiegerin wurde. Vielleicht veranlasste die harmlose Schlagzeile die DDR-Führung dazu, die Karl-Marx-Städterin zu einem sozialistischen Star aufzubauen. Das gipfelte schließlich darin, dass Witt für Devisen als Profi in den USA auftreten durfte. Wie hatten sich die Zeiten geändert. Als Eiskunstlauf-Weltmeisterin Gaby Seyfert ein Jahrzehnt zuvor vorschlug, nach dem Karriereende bei "Holyday on Ice" aufzutreten und die Hälfte ihrer Gage dem Staat abzutreten, antwortete DTSB-Präsident Manfred Ewald: "Es ist nicht Sache einer DDR-Sportlerin, vor Kapitalisten mit dem halbnackten Hintern zu wackeln, auch nicht für Millionenbeträge."

Auch andere Sportlerinnen der DDR, die woanders als Stars gefeiert worden wären, mussten sich bescheiden. Marita Koch, 400-Meter-Lauf-Weltrekordlerin, die Sprinterin Gisela Birkemeyer, die Turmspringerin Ingrid Krämer aus Dresden, die Eissprinterin Helga Haase, Hürden-As Karin Balzer, die mehrfache Schwimm-Olympiasiegerin Kornelia Ender, die Turnerin Karin Janz, die Speerwerferin Ruth Fuchs oder Jutta Müller, die erfolgreichste Eiskunstlauftrainerin der Welt, stehen dafür.

Täve, Waldemar und Co.

Ihre Namen haben noch heute Wohlklang für viele Ohren: Täve Schur, Waldemar Cierpinski, Roland Matthes. Es ist ein Phänomen. In unserer schnelllebigen Zeit werden diese Namen von Generation zu Generation weitergetragen. Wer heute einen Dreikäsehoch in Leipzig oder Magdeburg nach einem DDR-Sportstar fragt: Der Name Täve Schur fällt gewiss. Und dabei liegt seine große sportliche Zeit, in der er unter anderem zweimal Straßenradsport-Weltmeister und mehrfach Friedensfahrtsieger wurde, fast vier Jahrzehnte zurück. Unvergessen ist die taktische Meisterleistung das Radfahrers Täve Schur, der auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal auf seinen sicheren dritten WM-Titel verzichtete. Weil sich der belgische Mitfavorit auf ihn konzentrierte, überließ Schur seinem Mannschaftskameraden Bernhard Eckstein den Titel.

"Jetzt der Triumph an der Moskwa! Waldemar rannte nach einem verwegenen Plan, den ich teilweise vorher kannte. Er hatte mir verraten: 'Den Schicksalsteil aller Marathons zwischen den Kilometern 35 und 40 muss ich in 15 Minuten schaffen. Nur dann kann es wieder klappen.' Wie es klappte! Fast hätte jedoch der vorwitzige und tapfere Mexikaner Gomez den Waldi-Plan durchkreuzt. Bis zum Kilometer 35 tummelte sich der Mann aus León vor dem Feld der 74 Läufer aus 40 Ländern. Dann fegte unser 'Hurrikan' aus Halle den Asphalt-Gaucho hinweg. Cierpinski lief die alles entscheidenden Kilometer in unglaublichen 14,45 Minuten, was noch nie zuvor ein Marathoni vollbracht hatte. So kam's zu den Ovationen und meinem: 'Väter, haben Sie Mut! Nennen Sie Ihre Neugeborenen Waldemar.' So lange ich lebe, gilt mein Dank Waldemar." Erinnerungen von Heinz Florian Oertel - die Stimme des DDR-Sports - an Cierpinskis Marathonsieg 1980 in Moskau, "Super Illu" 1996.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Der Tag | 04.10.2018 | 16:15 Uhr

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