Stand: 27.08.2014 10:18 Uhr  | Archiv

Rostock 1939: Der erste Düsenjet hebt ab

von Janine Kühl, NDR.de

Mit 600 Kilometern pro Stunde dreht Erich Warsitz zwei Platzrunden über dem Flugplatz in Rostock-Marienehe - und läutet damit am 27. August 1939 eine neue Ära in der Luftfahrt ein. Der Jungfernflug des ersten Düsenflugzeugs der Welt ist eine technische Sensation.

Der Erstflug der He 178 über Rostock-Marienehe leitet am 27. August 1939 das Düsenjet-Zeitalter ein.
Kongeniale Partner: Heinkel und von Ohain

Die Entwicklung eines Strahltriebwerks - der Grundlage für ein Düsenflugzeug - nimmt 1936 ihren Anfang, als zwei Männer mit Visionen und Tatendrang zusammentreffen: Der Flugzeugbauer Ernst Heinkel und der Physiker Hans Joachim Pabst von Ohain. Heinkel betreibt die Heinkel-Werke in Rostock-Marienehe. Mit viel Pioniergeist entstehen hier immer leistungsfähigere Flugzeuge. Heinkel erkennt früh, dass die Geschwindigkeit und Reichweite von Propellerflugzeugen mit Kolbenmotor limitiert ist. In den 1930er-Jahren liegt die Reisegeschwindigkeit bei Verkehrsflugzeugen bei 220 km/h, bei Jagdflugzeugen bei 450 km/h.

Ziel: Flugzeug mit Strahlantrieb

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Flugzeug-Konstrukteur Ernst Heinkel ist die treibende Kraft hinter der Entwicklung des ersten Düsenjets.

Deshalb beginnt Heinkel, mit alternativen Antriebsarten zu experimentieren. Er stellt von Ohain ein, der bereits 1935 ein erstes Patent für einen Turbostrahlantrieb angemeldet hat. Ziel dieser Zusammenarbeit: möglichst schnell ein Flugzeug mit Strahlantrieb zu entwickeln.

Von Beginn an ist klar, dass dieses Projekt rein privat und ohne das Reichsluftfahrtsministerium (RLM) vollbracht werden soll. Denn Heinkel ist ernüchtert über die Zusammenarbeit mit dem RLM. Fast gleichzeitig zur Entwicklung des Turbinenstrahltriebwerks baut Heinkel mit Wernher von Braun ein Raketentriebwerk, bei dessen Entwicklung er sich vom Ministerium nicht ausreichend unterstützt fühlt.

Geheimprojekt nimmt Form an

Da Heinkel die Entwicklung des Strahltriebflugzeugs ohne Kenntnis und Unterstützung des Ministeriums vorantreibt, stellt er von Ohain sowie den beteiligten Flugzeugkonstrukteuren und Mechanikern eine Sonderbaracke auf dem Gelände seines Werks zur Verfügung. Hier entsteht im Geheimen nach einer Reihe von Rückschlägen nach gut zwei Jahren das Triebwerk He S3.

Die neue Antriebsart stellt besondere Anforderungen an das Flugzeug, das sie tragen soll: Die He 178 hat einen Rumpf aus Duraluminiumbleck, einer besonders stabilen Aluminiumlegierung. Die hölzernen Tragflächen sind an der Oberkante des Rumpfes angeordnet und wegen der starken Hitzeentwicklung zum Teil mit Asbest beschichtet. Ein konisches Schubrohr am Heck und das Fehlen der Propeller zeigen auf den ersten Blick, dass dieses Flugzeug sich deutlich von allem bisher bekannten unterscheidet.

Testpilot Warsitz begeistert

Als Testpiloten kann Heinkel den erfahrenen Erich Warsitz gewinnen. Die beiden verbindet eine große Leidenschaft: das Streben nach höherer Geschwindigkeit. In den frühen Morgenstunden des 27. August 1939 ist es so weit: Die He 178 wird zum Jungfernflug an den Start geschleppt.

Wegen der Geheimhaltung hat Testpilot Warsitz im Vorfeld nicht einmal Rollversuche unternehmen können. Doch der Flug verläuft ohne Zwischenfälle. Warsitz erzählt später, dass er "sofort das Gefühl der völligen Sicherheit" gehabt habe. "Es war herrlich zu fliegen", schwärmt er noch Jahrzehnte nach der Pionierleistung. Einzig das Fahrwerk lässt sich nicht einfahren, doch das Triebwerk und die Maschine funktionieren perfekt.  

Ministerium zeigt kein Interesse

Da Heinkel dem RLM das fertige Produkt vorstellen möchte, ist beim Jungfernflug von offizieller Seite niemand vertreten. Auf Einladung Heinkels kündigt sich Generalfeldmarschall Hermann Göring an. Doch am 1. November 1939 erscheint lediglich sein Stellvertreter mit einer kleinen Delegation. Interesse an einer Serienproduktion gibt es nicht.

Parallele Entwicklung durch Frank Whittle

Von Ohain ist nicht der Einzige, der damals mit Turbostrahltriebwerken experimentiert. Der Engländer Frank Whittle entwickelt unabhängig von Ohain ein ähnliches Triebwerk, das im Mai 1941 seinen Jungfernflug erlebt. Auch bei BMW in München und Junkers in Dessau finden Forschungen in Richtung eines Strahltriebwerks statt. Doch nur Heinkel setzt diese Idee so zügig in die Tat um. Die Weiterentwicklung und Produktion von Düsenflugzeugen betreiben nach dem Krieg jedoch andere. Dass der Beginn des Düsenzeitalters in Rostock stattgefunden hat, bleibt lange Zeit vergessen.

He 178 bei Bombenangriff zerstört

Insgesamt zwölf Testflüge absolviert die He 178, bevor sie im Rostocker Werk bei einem Bombenangriff zerstört wird. Nachbauten des ersten Flugzeugs mit Strahltriebwerk sind im PhanTECHNIKUM in Wismar sowie im Flughafen Rostock zu sehen.

Enge Verbindung zum NS-Regime

Das Kriegsende bedeutete das Aus für die Heinkel-Werke. Der Großteil der Firmenanlagen wurde enteignet, zerstört oder demontiert. Heinkel selbst war zwar ein genialer Ingenieur, blieb aber während der NS-Zeit politisch nicht unbelastet. Als Mitglied der NSDAP bekam er ab 1933 viele Aufträge der Nationalsozialisten, die er breitwillig annahm, und wurde 1937 zum Wehrwirtschaftsführer ernannt. Außerdem beschäftigten die Heinkel-Werke während des Krieges viele Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Nach Kriegsende versuchte Heinkel, sich als Gegner des Nazi-Regimes darzustellen. Dennoch wurde er 1948 zunächst von den Alliierten verhaftet und als Mitläufer eingestuft. Aufgrund seiner Kontakte zum Widerstandskreis um Admiral Canaris erreichte der Flugzeugpionier in einem Berufungsverfahren seine Entlastung. Eine detaillierte Aufarbeitung seiner Rolle während der NS-Zeit steht noch am Anfang.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 27.08.2004 | 19:30 Uhr

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