Stand: 15.03.2010 14:38 Uhr

Massaker an der Mittelschule: Der "Harburger Blutsonntag"

von Britta Probol
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Rund um die alte Mittelschule an der Woellmerstraße kommt es 1920 zu blutigen Gefechten.

"Das Gebäude der Heimfelder Mittelschule sieht innen und außen wüst aus. Von den Fenstern ist kaum eins auch nur einigermaßen heil geblieben. Die Mauern und Türen weisen starke Spuren der Schießerei auf", schreiben die "Harburger Anzeigen und Nachrichten" am 16. März 1920: "Die letzten Leichen sind heute Morgen aus der Schule herausgeschafft worden."

Tote und Verwundete habe  es gegeben, berichten die "Hamburger Nachrichten" in ihrer Morgenausgabe, "darunter auch einige Frauen und Kinder". Die zerschundene Leiche von Hauptmann Rudolf Berthold, einem bewunderten Flieger-Ass aus dem Ersten Weltkrieg, liegt wenige Hundert Meter weiter in einer Gastwirtschaft. Was ist da für ein Massaker passiert?

Putsch-Nachrichten aus Berlin

Wolfgang Kapp will "die Herrschaft der Journalisten, Gewerkschaftler und das jüdische Regiment abschütteln".

Es ist der zweite Frühling nach dem Ersten Weltkrieg. Die junge deutsche Republik steht noch wackelig auf den Beinen: Versorgungsschwierigkeiten und Teuerung schaffen Unmut in der Bevölkerung, die immensen Reparationspflichten an die Siegermächte bedrücken die Wirtschaft. Räubereien und Diebstähle nehmen zu. Und nach der gescheiterten Novemberrevolution beharken sich in den Straßen immer wieder die Parteisoldaten von Links und Rechts. In national-konservativen Kreisen wächst der Wunsch nach einem starken Mann, der mal "richtig durchgreift".

Der Kapp-Putsch 1920

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Der Kapp-Putsch 1920: Was waren die Auslöser, wie wird er heute bewertet? In der Sendung Forum Zeitgeschichte kommen Historiker zu Wort.

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In die Situation hinein platzt am Sonnabend, 13. März, die Nachricht aus Berlin: "Sturz der Regierung!" Bald spricht sich herum: General-Landschaftsdirektor Wolfgang Kapp und Walther Freiherr von Lüttwitz, beurlaubter Führer des Reichswehr-Truppenkommandos, haben die Mitte-Links-Regierung entmachtet. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) ist nach Dresden geflohen und ruft zusammen mit den Gewerkschaften zum Generalstreik gegen die rechten Putschisten auf.

Harburg: Zunächst bleibt alles ruhig

Während in Hamburg abends Reichswehrtruppen unter dem Kommando Oberst von Wangenheims das Rathaus besetzen, bleibt im benachbarten Harburg zunächst alles ruhig. Verhandlungen zwischen Arbeitgeberverband und Gewerkschaften ergeben am Sonntag früh, dass nicht gestreikt werden soll, wenn sich das in Harburg stationierte Reichswehr-Pionier-Bataillon Nr. 9  neutral zeigt. Arbeiter nehmen den Chef des Bataillons, Major Hueg, vorsichtshalber in Haft, denn er scheint geneigt, etwaige Anweisungen von General Lüttwitz auszuführen. Die Umsturzgefahr scheint damit gebannt.

Doch die Ruhe täuscht: Aus dem Kehdinger Land bei Stade hat sich Fliegerhauptmann Rudolf Berthold mit seinem Freikorps, der "Eisernen Schar", auf den Weg gemacht. Der 28-Jährige, dessen rechter Arm seit einem Absturz verkrüppelt ist, trägt den Militärorden "Pour le Mérite" - im Ersten Weltkrieg hat er 44 Feindflugzeuge abgeschossen. Nach Kriegsende kämpfte er mit anderen Freiwilligen im Baltikum weiter gegen sowjetrussische Truppen. Seit diese Mission beendet ist, fehlt der "Eisernen Schar" eine rechte Aufgabe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 17.03.2010 | 14:23 Uhr

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