Stand: 30.06.2015 16:41 Uhr  | Archiv

Kühne + Nagel: Jubiläum mit dunklen Flecken

von Irene Altenmüller, NDR.de
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August Kühne führte das Unternehmen nach Friedrich Nagels Tod 1907 zunächst alleine weiter.

63.000 Angestellte, mehr als 1.000 Standorte in über 100 Ländern, rund 20 Milliarden Euro Umsatz und 783 Millionen Euro Gewinn vor Steuern allein im Jahr 2014: Als "Global Player" der Logistikbranche glänzt Kühne + Nagel zuverlässig mit hervorragenden Zahlen. Begonnen hat die Weltkarriere des Unternehmens, das jetzt sein 125. Jubiläum feiert, mit einem kleinen Fuhrgeschäft in Bremen.

1890: In Bremen eröffnet eine neue Spedition

Am 1. Juli 1890 gründen August Kühne und Friedrich Nagel gemeinsam eine Spedition. Sie transportieren vor allem Baumwolle, Getreide, Holz, Futtermittel und Zucker. Als Nagel 1907 stirbt, übernimmt Kühne dessen Firmenanteile. Die Geschäfte laufen gut, und so kauft er 1909 ein großes neugotisches Wohn- und Geschäftshaus direkt an der Weser, die nach ihrem Vorbesitzer benannte "Von-Kapff'sche Burg".

Jüdischer Teilhaber wird herausgedrängt

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Adolf Maass wurde 1933 von den Kühne-Brüdern aus dem Unternehmen gedrängt. Er und seine Frau Käthe starben 1944 in Auschwitz.

1910 steigt mit Adolf Maass ein neuer Teilhaber ein, der in Hamburg eine Niederlassung gründet. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt ein dunkles Kapitel in der Unternehmensgeschichte. Im April 1933 drängen die Söhne des 1932 verstorbenen August Kühne, Alfred und Werner Kühne, den jüdisch-stämmigen Maass aus dem Unternehmen. Kurz darauf treten sie in die NSDAP ein und machen aus dem Unternehmen einen "nationalsozialistischen Musterbetrieb" - ein Titel, mit dem Firmen ausgezeichnet werden, die in besonderem Maße der NS-Ideologie hinsichtlich Arbeiterschaft, Arbeitsplatzgestaltung und Profitabilität entsprechen.

Maass hingegen wird 1944 in Auschwitz ermordet. Stolpersteine in der Hamburger Blumenstraße erinnern heute an ihn und seine ebenfalls in Auschwitz ermordete Frau.

Möbeltransporte für das NS-Regime

Ab 1942 ist das Unternehmen laut aktueller Recherchen des Bayerischen Rundfunks in großem Stil an der systematischen Enteignung und Beraubung der europäischen Juden beteiligt: Im Auftrag der Nationalsozialisten transportiert Kühne + Nagel jüdisches Eigentum aus besetzten Gebieten wie Holland, Frankreich, Luxemburg und Belgien ins Deutsche Reich - und macht sich so zum willigen Helfer des NS-Regimes. Bei der sogenannten Möbel- oder auch M-Aktion beschlagnahmen die Nazis Gegenstände aus rund 70.000 Wohnungen, in denen deportierte oder geflohene Juden wohnten - darunter Schränke, Geschirr und Kinderwägen.

Rund 30.000 Bahnwaggons sowie 500 Schiffsladungen mit Möbeln rollen den BR-Recherchen zufolge nach Deutschland. Dort wird das Eigentum teils versteigert, teils an Ausgebombte verteilt. Auch geraubte Kunstschätze befördert das Unternehmen - allein aus Paris sind es 29 Kunsttransporte.

30.000 Waggons geraubte jüdische Güter

Die Transporte seien ein lukratives Geschäft gewesen, so die BR-Recherchen. Denn Kühne +Nagel hat eine Art Monopolstellung: Die Ausführenden seien angewiesen gewesen, bevorzugt die Bremer Spedition mit den Transporten zu beauftragen. Dass die Geschäfte gut laufen, zeigen Unterlagen über Alfred Kühnes Einkommensentwicklung: 1942 erreicht er einen Spitzenverdienst von mehr als 270.000 Reichsmark - auf heutige Verhältnisse umgerechnet wäre er damit ein Einkommensmillionär.

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