Stand: 20.12.2017 12:59 Uhr

Weihnachten 1717: Sturmflut verwüstet den Norden

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Viele Menschen warteten auf den Dächern ihrer Häuser vergeblich auf Rettung.

Für zahllose Menschen an der Nordseeküste bringt Weihnachten vor 300 Jahren keinen Frieden, sondern endet in einer Katastrophe. Eine der schwersten Sturmfluten der Geschichte bringt in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember 1717 Tod und Verwüstung über die Küstenbewohner der Niederlande, Norddeutschlands und Skandinaviens. Mehr als 11.000 Menschen sterben, rund 100.000 Pferde, Schafe und Rinder ertrinken, 8.000 Gebäude werden zerstört. "Statt das frohe Fest der Geburt Jesu zu feiern, wurde durch die ganze Gegend nichts gehört als Geschrei, Klagen, Heulen und Weinen." So beschreibt Johann Christoph Hekelius, Pastor der ostfriesischen Gemeinde Resterhafe, die Tage nach der Flut.

Sturmflut.

Erinnerungen an die Weihnachtsflut von 1717

Hallo Niedersachsen -

Im Dezember jährt sich die verheerende Weihnachtsflut zum 300. Mal. Die Menschen an der Nordseeküste wurden nachts von den eiskalten Wassermassen überrascht - über 10.000 starben.

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Deiche brechen mitten in der Nacht

Die Naturkatastrophe, eine der schlimmsten in der frühen Neuzeit, kommt für die Menschen unerwartet: Der Sturm, der noch am Nachmittag des 24. Dezember aus Richtung Südwest gewütet hat, ist am Abend abgeflaut. Die  Küstenbewohner besuchen den Gottesdienst und feiern mit ihren Familien den Heiligen Abend, danach legen sie sich schlafen. Doch der Wind hat mittlerweile auf Nordwest gedreht und steigert sich in der Nacht zum Orkan. Das Wasser steigt ungewöhnlich schnell. Bereits um drei Uhr morgens brechen in Ostfriesland und in der Grafschaft Oldenburg zeitgenössischen Berichten zufolge die Deiche.

Weite Teile der Küste werden überschwemmt

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Vielerorts setzen die Wassermassen ganze Dörfer unter Wasser.

Die Flut überrascht viele Menschen im Schlaf. "Auff dem Wasser selbst schwammen noch Betten, Kasten, Menschen, Vieh und allerhand Guth herum. Man sah auch hin und wieder auf den Häusern Menschen sitzen, welche mit Noth-Zeichen ihr Elend vorstelleten", schildert ein zeitgenössischer Bericht die Katastrophe.

An fast allen Küsten der Nordsee zwischen den Niederlanden und Dänemark kommt es zu Überschwemmungen und Deichbrüchen. In Hamburg stehen ganze Stadtteile unter Wasser, darunter Stillhorn, Finkenwerder und Moorburg. Zwar gibt es im 18. Jahrhundert noch keine verlässlichen Pegelstandsmessungen. Einige Forscher vermuten aber, dass die Wasserstände, bezogen auf das damalige mittlere Tidehochwasser, teilweise über dem der schweren Sturmflut von 1962 lagen.

Weitere Flut folgt Ende Februar

Besonders schwer trifft es die Grafschaften Oldenburg und Ostfriesland sowie die Herrschaft Jever. Dort fällt ein Viertel der Bevölkerung der Flut zum Opfer. Zu den Toten kommt das verlorene Vieh sowie das zerstörte Hab und Gut hinzu. Zu allem Unglück folgt nur zwei Monate später, am 25. und 26 . Februar 1718, mit der sogenannten Eisflut eine weitere Sturmflut. Weitgehend ungehindert strömt das Wasser durch die zerstörten Deiche und lässt die landwirtschaftliche Flächen weiter versalzen.

"Göttliches Strafgericht"

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Der Kartograph Johann Homann zeichnete eine Karte, auf der er die überschwemmten Gebiete braun markierte.

In der damaligen Zeit vermuten viele Menschen hinter der Katastrophe eine Strafe Gottes für die "ruchlose Welt". In Bußpredigten erklären Pastoren, die Sturmflut zu einem "harten Exempel des göttlichen Straff-Gerichts" und deuten sie als "allen Menschen nöthiges, heilsames und nimmer zu vergessendes Denckmahl."

Marode und veraltete Deiche

Als gesichert gilt, dass die Weihnachtsflut von 1717 sich vor allem deshalb so verheerend auswirken konnte, weil die teilweise maroden Deiche den Wassermassen nichts entgegensetzen konnten. Durch Krieg und Viehkrankheiten wie die Rinderpest war die Küstenregion Anfang des 18. Jahrhunderts wirtschaftlich geschwächt. Für Pflege und Erhalt der Deiche und Entwässerungsanlagen fehlte das Geld. Wären die Deiche in einem guten Zustand gewesen, wären die Folgen der Flut vermutlich weniger drastisch gewesen.

Bevölkerung hungert und verarmt

Für die Bevölkerung wirkt die Katastrophe lange nach. In den Folgejahren kommt es zu Hungersnöten: Vorräte und Saatgut sind durch das Wasser vernichtet, viele Böden versalzen, was die Erträge jahrelang stark mindert. Um die Deiche wiederherzustellen, müssen die Küstenbewohner zusätzliche Abgaben leisten, sodass viele weiter verarmen oder sich über Jahrzehnte verschulden. Andere verlassen die Region für immer.

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