Stand: 01.11.2011 16:04 Uhr  | Archiv

Deutsch oder dänisch? Die Schleswig-Frage

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Für viele Nordschleswiger keine leichte Frage: Zu Deutschland oder Dänemark?

Im Frühjahr 1920 schlagen die Wogen hoch im Land zwischen den Meeren: Die sogenannte Schleswig-Frage mobilisiert große Teile der Deutsch- und Dänischstämmigen. Bunt gemischt leben sie im nördlichsten Gebiet des damaligen Deutschen Reiches nebeneinander und miteinander. Die Region gehörte auch einmal zur dänischen Krone, die Streitereien um das Land Schleswig reichen weit in das 19. Jahrhundert zurück.

Friedensvertrag von Versailles

Im Jahr zuvor, nach Beendigung des Ersten Weltkriegs, haben die Siegermächte auf dem Friedenskongress von Versailles die europäische Landkarte neu gezeichnet. Die deutsche Delegation setzte am 28. Juni 1919 ihre Unterschrift unter einen Vertrag, der Elsass-Lothringen und einige östliche Provinzen vom Reichsgebiet abtrennt und für andere Landesteile Volksabstimmungen vorsieht. Unter großem Wahlkampfgetöse und Propagandakampagnen kommt es deshalb im nördlichsten Zipfel Norddeutschlands zur Abstimmung.

Aber: Wo genau und wie soll das Selbstbestimmungsrecht der Völker entscheiden? Der Versailler Vertrag nennt keinen konkret definierten Raum. Nach Beratungen werden im Land Schleswig zwei Wahlzonen eingerichtet, die nördliche wird dabei zu einem einzigen Abstimmungsgebiet erklärt, die südliche in mehrere Stimmbezirke unterteilt. Diesen Wahlmodus hat Dänemark bei der alliierten Kommission durchsetzen können. Auf deutscher Seite stößt er auf heftige Kritik, da bereits klar ist, dass die Einwohner der Städte mehrheitlich für den Verbleib im Deutschen Reich sind, die zahlenmäßig überlegene Landbevölkerung jedoch zu Dänemark tendiert.

Umstrittene Abstimmungsmodalitäten

Historiker Wilhelm Koops analysiert die politische Entscheidung: "Es war sicherlich der Wille der internationalen Kommission, 1920 dafür Sorge zu tragen, dass eine Grenze erstellt wurde, die auch in Zukunft bestandsfähig sein würde. Dass sich Ungerechtigkeiten bei einer solchen Planung nicht vermeiden lassen, das ist auch den damals Verantwortlichen sicherlich klar geworden. Und die Deutschen hat man natürlich überhaupt nicht gefragt."

Zone I: Land für Dänemark, Städte für Deutschland

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In Städten wie Flensburg votierte die Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland.

Am 10. Februar 1920 wird in der ersten Zone abgestimmt. Sie reicht bis zur sogenannten Clausen-Linie, die südlich von Tondern und nördlich von Flensburg verläuft. Die mehrheitlich deutschgesinnte Stadt an der Förde ist, obwohl kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der gesamten Region, ausgeklammert - um keine Wahlniederlage in der nördlichen Zone zu riskieren. Tatsächlich bekennen sich 75 Prozent zu Dänemark und 25 Prozent zu Deutschland. Obwohl in den Städten mehrheitlich für den Verbleib im Deutschen Reich votiert wird (in Tondern immerhin 77 Prozent), fällt das gesamte Gebiet Nordschleswig an Dänemark. Durch die neue Grenzziehung, die den heutigen deutsch-dänischen Grenzverlauf markiert, sind die gewachsenen Landkreise Tondern und Flensburg zerschnitten.

Der deutsche Historiker Johannes Tiedje legt noch am Tag der Abstimmung einen Gegenentwurf zur Clausen-Linie vor. Seinem Vorschlag nach sollen die direkt an der Trennlinie zwischen Abstimmungszone I und II gelegenen Gebiete um Tondern und nördlich Flensburgs, die mehrheitlich für Deutschland gestimmt haben, auch im Reich verbleiben. Bei der Umsetzung dieses sogenannten Tiedje-Gürtels wäre die deutsche Minderheit in Dänemark kleiner ausgefallen, in etwa gleich stark wie die heutige dänische Minderheit in Deutschland. Doch der Vorschlag fällt auf keinen fruchtbaren Boden.

Zone II: Deutliches Votum

Am 14. März 1920 findet die Abstimmung in der zweiten Zone mit Glücksburg, Flensburg, Niebüll, Sylt, Föhr und Amrum statt. In den einzelnen Gemeinden votieren die Einwohner mit durchschnittlich 80 Prozent für Deutschland - ein klares Ergebnis. Damit ist die neue Staatsgrenze zwischen Deutschland und Dänemark festgelegt, die noch heute ihre Gültigkeit hat.

Abtretung an Dänemark

Die Proteste setzen sich zwar zunächst fort, vor allem seitens der Deutschgesinnten im Tiedje-Gürtel. Dennoch bleibt es bei der Grenzziehung: Am 15. Juni 1920 wird Nordschleswig in das Königreich Dänemark integriert.

In den 20er-Jahren organisiert sich die deutsche Minderheit in Dänemark unter der Führung von Pastor Johannes Schmidt-Wodder, dem einzigen deutschen Abgeordneten im dänischen Parlament. Ihre Vision ist die Rückkehr Nordschleswigs nach Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber gibt die deutsche Volksgruppe den Wunsch auf und erklärt ihre Loyalität gegenüber dem dänischen Staat.

Dänische und deutsche Kultur wird heute immer noch in beiden Teilen Schleswigs gelebt - übrigens bezeichnen die Dänen Nordschleswig als Südjütland. Zur Pflege der eigenen Sprache und Traditionen unterhält die deutsche Minderheit in Dänemark, genau wie die dänische Minderheit in Deutschland, zahlreiche Kindergärten und Schulen.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 21.06.2004 | 19:30 Uhr

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