Stand: 07.01.2019 15:47 Uhr

Der Schneewinter 1978/79: Zeitzeugen erinnern sich

Die Erlebnisse während der Schneekatastrophe von 1978/79 haben sich den Menschen in Norddeutschland tief ins Gedächtnis eingebrannt. Zeitzeugen erinnern sich:

Kai Greiser, Fotograf, war im Auftrag vom GEO Magazin unterwegs und machte spektakuläre Fotos aus der Luft, die er noch heute verkauft: "Kurz nach dem Start in Hamburg, nachdem wir die Stadtgrenze passiert hatten und über Land flogen, sah man plötzlich nur noch weiße Laken über der gesamten Landschaft. Zu den Häusern führten keine Straßen und Wege mehr und in meinem Kopf sang es immer. 'Sibirien, Sibirien - so muss es in Sibirien sein, wenn dort Schneesturm herrscht'."

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In Schichten waren die NVA-Soldaten im Norden der DDR zum Schneeschaufeln eingeteilt.

Andreas Matzke war damals als Angehöriger der Volksmarine in Dranske auf Rügen stationiert: "Als im Februar die zweite Welle Schnee heraufzog, wurde sämtliches Personal eingesetzt, um die umliegenden Ortschaften, die zum Teil über Wochen abgeschnitten waren, wieder erreichbar zu machen. Dazu schippten wir teilweise in mehreren Etagen. Die Mannschaften wurden im Schichtbetrieb eingesetzt, das heißt, vier Stunden Schippen, vier Stunden Ruhe. Die Versorgung war in dieser Zeit nur aus der Luft mit Hubschraubern der Marine oder mit Kettenfahrzeugen der Sowjetarmee möglich."

Zu Fuß durch den Schneesturm

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In den ersten Tagen des Schneewinters waren kaum noch Straßen passierbar - hier etwa ist eine Landstraße bei Rügen komplett verschneit.

Ralf Schumacher aus Zinnowitz auf Usedom lief als Kind durch den Schneesturm nach Hause: "Ich war mit meinem Bruder von Zinnowitz nach Wolgast mit dem Zug zum Zahnarzt gefahren. Als wir nach dem Termin durch den Schnee zurück zum Bahnhof gelaufen waren, fuhren keine Züge. Wir waren damals elf und zwölf Jahre alt und liefen die zehn Kilometer durch Schneewehen die Bahngleise entlang nach Hause. Zum Glück lagen die Gleise in einer Mulde und so fanden wir den Weg. Auf der Landstraße daneben waren Panzer der NVA im Einsatz. Schließlich hatten wir es geschafft und unsere Familie war froh, dass sie uns wieder in den Armen halten konnte. Wir waren durchgefroren, müde und erschöpft. Ich werde diesen Winter nie vergessen."

Hochzeiten mit Hindernissen

Sandra Gladrow aus Jatzke östlich von Neubrandenburg über die schwierige Hochzeit ihrer Eltern: "Meine Eltern haben damals geheiratet. Doch es gestaltete sich schwierig, da wir auf einem Dorf lebten. Mit Bagger und Kran wurde vor dem damaligen Elternhaus meiner Mutter der Schnee geräumt, mit einem Panzer wurde die Straße bis zum Standesamt frei gemacht. Der Schnee außerhalb war höher als ein Auto! Pünktlich beim Standesamt angekommen, gaben sich meine Eltern dann das Jawort."

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Andrea und Hermann Alberring schafften es sogar durch den Schnee bis zum Fotografen.

Auch Andrea Alberring aus Bremen wollte Ende Dezember 1978 heiraten. Aber in der Nacht davor hatte es stark geschneit und die Straßen waren kaum noch befahrbar. "Wir haben unser Auto ausgebuddelt und sind ganz langsam nach Habenhausen zu meinen Schwiegereltern gefahren, haben das Auto abgestellt und erst einmal abgewartet. Mein Vater hat dann gesagt 'Ich kenne jemanden, der einen Schneepflug hat' und den hat er angerufen. Der Bekannte ist gekommen und mit seinem Schneepflug dem Brautwagen vorangefahren und hat so den Weg freigeräumt."

Das Leiden der Milchkühe

Siegfried Wiese hatte damals auf seinem Hof bei Lütjenburg Milchkühe: "Plötzlich ging keine Heizung und nichts mehr. Das Futter war das geringste Problem und Wasser hatten wir auch, die Leitung funktionierte noch. Aber die Kühe konnten nicht gemolken werden. Sie fingen natürlich an zu brüllen, weil sie Druck auf dem Euter hatten. Wir konnten nur fünf, sechs Kühe melken, nicht 20. Das war einfach nicht möglich."

Gemeinsames Essen vom Kohleherd

Reiner Erdmann erinnert sich an den Stromausfall in Malliß nördlich von Dömitz: "Da wir eine stromabhängige Heizung hatten, konnten wir uns nur im kleinen Bad aufwärmen, denn der Badeofen wurde mit Holz und Kohle betrieben. Aber wo unser Essen kochen? 'Wir gehen zu Oma!', war unser aller Einfall. Oma hatte noch einen altmodischen Herd. Mit den Kochtöpfen in den Händen gingen wir aus dem Haus. Das sah unsere Kollegin, die mit ihren drei Mädchen nebenan wohnte. 'Kommt mit, Omas Herd hat auch Platz für euer Essen', sagte meine Frau. Gemeinsam legten wir in guter Stimmung den Weg zurück, ungefähr 500 Meter. Anmelden konnten wir uns nicht, denn keiner hatte Telefon. Aber Oma Irmgard, meine Schwiegermutter, erhitzte unser Essen ohne viele Worte. Durch die Nachbarschaftshilfe schmeckt uns allen das Essen doppelt gut."

Viel Arbeit im Kernkraftwerk

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Wie hier in Seedorf auf Rügen waren die Menschen vielerorts in ihren Häusern eingeschneit.

Ernst-Thomas Krüger arbeitete auf der Baustelle des Kernkraftwerkes Lubmin in der Nähe von Greifswald: "Frühmorgens am 30. Dezember 1978 wollte ich meinen Bungalow verlassen, weil um 5.30 Uhr meine Schicht begann. Aber die Tür ließ sich nicht öffnen. Ich drückte mit der Schulter dagegen, sie ging einen schmalen Spalt auf und Schnee rieselte herein. Bis ans obere Ende der Türfüllung war nur Schnee zu sehen. Also warf ich mich einige Male kräftiger gegen die Tür, sie öffnete sich einen breiteren Spalt und ich konnte einen Arm herausstrecken. Ich fühlte überall nur Schnee. Mit einer Kehrichtschaufel grub ich mich durch die Schneewehe, die meine Tür blockiert hatte.

Als ich nach einer Stunde bei der Arbeit angelangt war, gab es viel zu tun. Im Maschinenhaus des Kernkraftwerks kam durch die dünne Wellblechwand Treibschnee herein. Im Keller der Anlage befand sich die Kühlwasserversorgung für diverse Hilfssysteme. Dort begann schon die Eisbildung. An den Wänden standen zwar etliche dampfbetriebene Heizregister, sie kamen jedoch gegen die Kälte nicht an. Deshalb wurden mehrere Heizlüfter so umgebaut, dass sich ein Warmluftschleier bilden konnte. In der Nacht zum 31. Dezember tobte der Schneesturm weiter. Die Temperatur sank auf minus 20 Grad. Frost im Keller des Maschinenhauses hatten wir aber erfolgreich verhindert."

Fahrzeuge komplett eingeschneit

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Viele Norddeutsche mussten ihre Autos im Schnee ausgraben.

Klaus-Peter Schulz saß nach Silvester auf Amrum fest: "Am 25. Dezember 1978 sind wir nach Amrum gefahren, um Silvester dort zu verbringen. Aufgrund der Wetterlage stellten die Fähren bald ihren Dienst ein. Als wieder Fähren fuhren, durften zunächst nur Personen mitfahren. Erst als auch Pkw wieder transportiert wurden, habe ich mein Auto ausgegraben: Es war bis übers Dach eingeschneit. Leider hatte der Wagen dabei erheblichen Schaden erlitten. Er wurde von freundlichen Nachbarn auf die Fähre geschleppt und auf dem Festland repariert."

Thomas Sävert erlebte den Schneewinter in Neuendorf bei Itzehoe: "Ein Konvoi mit etwa 80 Fahrzeugen war im Schnee stecken geblieben, vor Neuendorf war Schluss. Nachts klopften bei uns zwei Lkw-Fahrer, die sahen schon aus wie Yetis. Man musste über 100 Personen aus den Fahrzeugen im Dorf unterbringen. Sehr schwierig war es, die Laster später wieder aus dem Schnee herauszuziehen. Das dauerte teilweise mehrere Stunden nur für einen Lkw."

Auf Skiern durch die Dünen

Anselm Prester erlebte auf Langeoog eine Überraschung "Als wir Anfang Januar aus meiner bayerischen Heimat zurückkamen und die Haustür aufschlossen, kam uns eiskalte Luft entgegen. Und im Wohnzimmer lag ein halber Meter Schnee. Der scharfe Ostwind hatte die Terrassentür aufgedrückt und den Schnee hereingeweht. Einen Schneeschieber hatten weder wir noch die anderen Insulaner. Ich habe den gefrorenen Schnee mühsam mit einem Spaten aus dem Haus befördert. Ich hatte mal aus Bayern meine Skier mitgebracht, eher zum Spaß. Doch im Januar 1979 taten sie gute Dienste. Bei einer meiner Skiwanderungen über die Insel habe ich die wohl erste und einzige Schneelawine Ostfrieslands losgetreten, als ich die Melkhörn-Düne herunterfuhr."

Große Hilfsbereitschaft und hungrige Schwäne

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Bei Glowe auf Rügen trieb es die Schwäne auf ihrer Futtersuche zum Dorfbäcker.

Anngret Bokemüller aus Glowe hat positive Erinnerungen an den Schneewinter: "Trotz aller Strapazen, Anstrengungen und Ängsten in den Schneesturmtagen zwischen dem 28. Dezember 1978 und 19. Februar 1979 war die große Hilfsbereitschaft bei uns in Glowe eine wunderbare Erfahrung. Egal ob beim Schneeschaufeln, in Krankheitsfällen oder bei der 'Asylbeschaffung' für Gestrandete. Die zugeschneite Stallanlage mit rund 100 Kühen in Ruschvitz wurde mit Schaufeln befreit und die Tiere mit Futter versorgt. Die frische Milch schmeckte hervorragend. Hefe für den Bäcker und Butter für den Konsum brachten am 3. Januar Soldaten per Panzer. Die vielen Schwäne, die morgens vom vereisten Strand kommend als erste Kunden mit ihren Schnäbeln an die Tür das Bäckerladens klopften, erlangten bald Berühmtheit."

Der Schneewinter von 1978/1979 im Nordosten

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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 09.01.2019 | 21:00 Uhr

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