Stand: 15.01.2019 23:00 Uhr

Als die Marcellusflut an der Nordseeküste wütete

von Irene Altenmüller, NDR.de
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Die Menschen waren den Naturgewalten oft hilflos ausgeliefert. Dieser Kupferstich zeigt einen Deichbruch im 17. Jahrhundert.

Die friesische Nordseeküste im Januar 1219. Bereits seit Tagen weht eine leichte Brise aus Südwest. Am 16. Januar, dem Tag des heiligen Marcellus, wird aus dem leichten Wind um die Mittagszeit ein schwerer Hagelsturm. Es ist der Auftakt für eine der verheerendsten Sturmfluten in der Geschichte der Nordseeküste - und die erste, von der ein überlieferter Augenzeugenbericht existiert: "Mit diesen Wurfgeschossen (gemeint sind Hagelkörner, Anm. der Red.) gewappnet, riss der blutdürstige Südwestwind die elenden Sterblichen auf dem Meer wie an Land grausam ins Verderben", schildert der Geistliche Emo von Wittewierum den Beginn der Ersten Marcellusflut in seiner Chronik über Friesland.

"Das Meer ergoss sich wie kochendes Wasser"

Stichwort: Springflut

Von Springflut spricht man an der Küste, wenn die Flut besonders hoch aufläuft. Das geschieht jeweils bei Vollmond und bei Neumond. Dann stehen Mond und Sonne, die die Gezeiten beeinflussen, sowie die Erde in einer geraden Linie. Der Flutberg, den der Mond auslöst, trifft dann mit dem der Sonne zusammen. In allen anderen Konstellationen der Himmelskörper schwächen sich die Flutberge gegenseitig ab.

Doch der Hagel ist nur der Vorbote einer größeren Katastrophe: Am Abend dreht der Sturm auf Nordwest, zugleich erzeugt der Vollmond eine Springflut. Eine schwere Sturmflut ist die Folge. Dort, wo überhaupt Deiche vorhanden sind, haben sie der Naturgewalt nichts entgegenzusetzen und brechen. "Das Meer ergoss sich kochendem Wasser ähnlich und überschwemmte das friesische Küstenland, das wie von einem plötzlichen Tod überfallen wurde. Es nahm sich die Wohnstätten der Armen und überfiel die Häuser der Reichen," schildert Emo die Ereignisse. Die Wassermassen wüten, "bis die Stützbalken der Häuser durch Unterspülen und Brechen herausgerissen waren".

Die Menschen flüchten auf Hausdächer

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Auf die Marcellusflut folgten viele weitere Sturmfluten, darunter auch die Weihnachtsflut 1717 - hier eine zeitgenössische Darstellung.

Die Menschen sind den Fluten hilflos ausgeliefert. Sie flüchten sich auf die Dächer ihrer Häuser und müssen zusehen, wie andere bei dem Versuch, ihr Vieh oder ihr Hab und Gut zu retten, ertrinken. Andere klammern sich an Balken oder Strohballen und werden "von den Fluten hin- und hergeworfen als wären sie Meeresgetier."

Allein an der Westküste des heutigen Schleswig-Holsteins kostet die Marcellusflut Schätzungen zufolge 10.000 Menschen das Leben. Besonders schwer ist Westfriesland in den heutigen Niederlanden betroffen, hier könnten insgesamt bis zu 40.000 weitere Menschen den Fluten zum Opfer gefallen sein. Allerdings sind die Zahlen der Chronisten relativ unzuverlässig.

Sintflut als Strafe Gottes gedeutet

Historiker gehen davon aus, dass Emo, der Chronist und spätere Abt des Klosters Wittewierum, die Sturmflut in der Nähe von Groningen selbst erlebt hat. Darauf lässt seine lebendige, detailreiche Schilderung schließen. Wie vermutlich die meisten seiner Zeitgenossen deutet Emo die Katastrophe in seiner Chronik vorrangig als Strafe Gottes. Diese Interpretation von Naturkatastrophen ist im Mittelalter üblich.

Auf den Tag genau 143 Jahre später hat die Zweite Marcellusflut noch verheerendere Auswirkungen. Die Menschen verstehen auch sie als Sintflut, die sie aufgrund ihres sündigen Verhaltens trifft. Diese zweite Flut geht auch als Grote Mandränke in die Geschichte ein. Sie fordert laut ungesicherten Quellen rund 100.000 Todesopfer: Ganze Inseln und Städte, darunter das legendäre Rungholt, versinken für immer in den Fluten.

Stürmische Nordsee © dpa

Die Geschichte der Nordsee

Die Küstenbewohner wurden mehrfach von Sturmfluten heimgesucht, etwa 1362 von der Groten Mandränke. Bis heute gibt das Meer immer wieder Überreste der Katastrophe preis.

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