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Werner Pinzner:
Der Killer von St. Pauli

Er ist in den 1980er-Jahren einer der skrupellosesten Männer auf dem Hamburger Kiez: Werner Pinzner verdient sein Geld als Auftragsmörder. Im April 1986 verhaftet ihn ein Polizeikommando. Fünf Morde werden dem Killer angelastet. Bei seiner letzten Vernehmung wollen die Ermittler wissen, ob es noch mehr sind. Was dann passiert, lässt Pinzner in die Kriminalgeschichte eingehen.

(Die Multimedia-Doku ist für Desktop-Nutzung und Vollbild-Modus optimiert.)

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Die Bluttat im Präsidium

Tagesthemen vom 29.07.1986

 

Der 29. Juli 1986 ist ein heißer Sommertag. Werner Pinzner sitzt neben seiner Frau Jutta im Zimmer 418 des Polizeipräsidiums am Berliner Tor. Auf einem Schreibtisch stehen Getränke und Brötchen für den Auftragskiller. Er hat angekündigt, weitere Taten zu gestehen. Mit im Büro sind Pinzners Anwältin, Staatsanwalt Wolfgang Bistry, zwei Polizisten und eine Sekretärin.

Als die Vernehmung beginnen soll, zieht Pinzner plötzlich einen Revolver.

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Gitta Berger

Sie ist damals die Protokollantin bei der Vernehmung. (NDR Archivmaterial aus dem Jahr 2002)

Der Staatsanwalt wird lebensgefährlich verletzt. Wolfgang Bistry sinkt auf den Boden des Vernehmungszimmers. Die beiden Polizisten stürzen aus dem Raum. Werner Pinzner schießt hinter ihnen her.

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Max van Oosting

Er ist einer der Polizisten, die mit Pinzner im Büro waren.

Krankenwagen rasen zum Präsidium. Ein Hubschrauber wird angefordert. Im vierten Stock telefoniert Werner Pinzner mit seiner Tochter. Er verabschiedet sich von ihr: "Birgit, ich liebe Dich." Dann wendet er sich seiner Frau Jutta zu.

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Gitta Berger

Damals Sekretärin der Polizei

Pinzner und seine Frau sind sofort tot. Staatsanwalt Bistry wird ins Universitätsklinikum Eppendorf geflogen. Doch seine Kopfverletzung ist zu schwer, der 40-Jährige stirbt am nächsten Tag.

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Der Täter

Der Täter

Werner Pinzner wird am 27. April 1947 als Sohn eines Rundfunkmechanikers und einer Verkäuferin in Hamburg-Bramfeld geboren. Die Schule bricht er ab. Er arbeitet als Fahrer, Seemann, Gerüstbauer, Fliesenleger und Schlachter. Pinzner heiratet, wird Vater einer Tochter, lässt sich wieder scheiden. Später heiratet er erneut, seine Jutta.

Im August 1975 raubt er mit zwei Komplizen einen Supermarkt aus. Der Leiter des Marktes wird erschossen. Pinzner muss für zehn Jahre ins Gefängnis. Dort fängt er an, Heroin und Kokain zu nehmen. Er träumt von einer Karriere im Rotlichtmilieu. Auf dem Kiez herrschen Zuhältergruppen über Hunderte Prostituierte. Die Männer scheffeln Geld und protzen mit Statussymbolen.

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Frank Göhre

Der Romanautor hat in den 1980er-Jahren viele Kiez-Größen persönlich getroffen.

Ein Lebemann - das möchte Werner Pinzner sein. Nach seiner langen Haftstrafe will er endlich auf dem Kiez mitmischen. Anfang der 1980er-Jahre lernt er seinen späteren Komplizen Armin H. (rechts im Bild) und seinen zukünftigen Auftraggeber, den Österreicher Peter N., kennen. Letzterer ist einer von denen, die auf dem Kiez den Ton angeben. Aber: Das Rotlichtmilieu ist im Umbruch. Immer weniger Männer gehen zu Prostituierten - die Angst vor Aids geht um. Kokain ist die neue große Einnahmequelle. Die Kämpfe auf dem Kiez werden härter: Waffen statt Fäuste. Dafür braucht es jemanden ohne Skrupel, jemanden wie Pinzner.

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Rolf Bauer und Max van Oosting

Die beiden Polizisten haben Pinzner damals erlebt.

Die Auftragsmorde

Die Auftragsmorde

Pinzner tötet per Kopfschuss. Schon für seinen ersten Auftrag erhält er mehrere Zehntausend Mark: Der Ex-Bordellbesitzer und Dealer Jehuda Arzi hat Kokain-Schulden und ist ein Erpresser - darum muss er sterben.

Kurz darauf der nächste Mord: Pinzner lockt den Bordell-Teilhaber Peter Pfeilmaier in einen Hinterhalt, weil Pinzners Auftraggeber, Kiez-Größe Peter N., dessen Anteile übernehmen will.

Auch das dritte Opfer, Dietmar Traub, ist Peter N. lästig geworden. Er findet, sein Kompagnon kokst zu viel.

Beim vierten Mord ist Peter N. erneut Auftraggeber: Pinzner soll Waldemar Dammer töten, weil dieser den Kiez-Boss öffentlich gedemütigt hat. Pinzner und ein Komplize erschießen den Bordellbetreiber und einen seiner Angestellten gleich mit.

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Martin Köhnke

Der ehemalige Hamburger Staatsanwalt hat im Fall Pinzner ermittelt.

Ein Arminius Kaliber 38 Spezial - das ist Pinzners Revolver. Besorgt hat er ihn sich schon im Knast. Die Waffe hat eine Besonderheit: Mit seltenen "zehn Zügen Rechtsdrall" stabilisiert sie die Geschosse - und markiert sie dadurch mit feinen Einkerbungen. Den Ermittlern hilft dies auf die Spur, weil sie immer wieder solche Projektile an den Tatorten finden. Im Mai 1985 gründen Staatsanwaltschaft und Polizei die Sonderkommission 855.

Die Arbeit der Soko

Die Arbeit der Soko

Ermittelnder Staatsanwalt in der Soko ist Wolfgang Bistry. Sein Augenmerk liegt auf der Bekämpfung organisierter Kriminalität in Hamburg. Seine Kollegen beschreiben ihn als "zupackend", aber auch als "risikobereit". Er hat sich voll und ganz der Suche nach dem Kiez-Killer verschrieben. Anfang 1986 gelingt Bistry und seinem Team der Durchbruch: Ein Milieu-Insider packt aus. Endlich gibt es genügend Informationen, um Pinzner festzunehmen.

Mit einem Trick holt ein Polizeieinsatzkommando Pinzner am 15. April 1986 aus seiner Wohnung in der Steilshooper Straße 77. Er kommt direkt aus dem Bad, hat nasse, zerzauste Haare und ist nackt - bis auf die Strümpfe. Pinzner wirkt überrascht. In der Wohnung finden die Polizisten auch die Tatwaffe. Kurz nach der Verhaftung wird klar: Pinzner ist bereit, die Hintermänner der Auftragsmorde zu verraten.

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Auszüge aus Vernehmungen mit Pinzner

Die Ermittler wollen wissen, wie viele Morde Pinzner noch begangen hat.

Pinzner hält die Beamten immer wieder hin. Im Untersuchungsgefängnis gelingt es ihm, seine Anwältin auf seine Seite zu ziehen und für sich zu vereinnahmen. Von ihr lässt er sich mit Kokain und Heroin versorgen. Außerdem schmuggelt sie Briefe zwischen Werner Pinzner und seiner Frau Jutta hin und her. Der Killer weiß: Er ist buchstäblich am Ende. Die Kiez-Größen würden ihn töten, käme er jemals frei. Er selbst will nicht im Knast versauern. Bei regelmäßigen Besuchen planen Pinzner und seine Anwältin seine letzte große Tat.

Die Helferinnen

Die Helferinnen

Das Mandat Pinzner ist für die Anwältin, deren Name heute nicht mehr öffentlich genannt werden darf, ein großer Fang. Sie spielt damit in der Top-Liga der Hamburger Anwälte mit. Doch Ansehen und Geld sind nicht alles: Sie, die selbst schwere Probleme mit einem psychisch kranken Ehemann hat, lässt sich in die komplizierte Ehe der Pinzners hineinziehen. Sie identifiziert sich offenbar mit Jutta Pinzner, die ohne ihren Werner komplett hilflos erscheint. Mit dem Drogenschmuggel für Pinzner wird die Anwältin erpressbar. Am Ende lässt sie sich so weit beeinflussen, dass sie sogar die Tatwaffe beschafft.

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Rolf Bauer und Max van Oosting

Ehemalige Polizisten

Mit der Hilfe der Anwältin übt Jutta Pinzner, wie sie den Revolver schmuggeln kann. Sie wickeln den Smith & Wesson in ein Geschirrtuch und stecken ihn in Jutta Pinzners Slip - wie hier von der Polizei nachgestellt. Darüber trägt sie einen weiten Rock. Die Pinzners und die Anwältin planen, dass Jutta auf die Toilette geht und dort den Revolver in ihre Handtasche umpackt. So kann Werner Pinzner im Vernehmungszimmer schnell an die Waffe herankommen.

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Martin Köhnke

Ehemaliger Staatsanwalt

Jutta Pinzner würde für Werner Pinzner alles tun. Sie, die einst in einer Bank arbeitete, ist unselbstständig und hochgradig abhängig von ihrem Mann. In ihren Briefen spricht sie ihn mit seinem Spitznamen "Mucki" oder auch mit "mein Geilus" an. Nicht immer scheint sie Pinzners Pläne zu verstehen. So schreibt sie zum Beispiel: "Sei mir nicht böse, ich blicke nicht durch. Mein Kopf und meine nicht vorhandene Intelligenz - ich verstehe es nicht." Doch sie ist sicher, sie will gemeinsam mit ihm sterben. "Mucki, ich wünsche mir so sehr, dass wir im Arm uns halten und ganz sanft, jeder die Liebe des anderen fühlend, abfliegen könnten", schreibt sie Werner Pinzner kurz vor der Tat.

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Martin Köhnke

Ehemaliger Staatsanwalt

Mord und Selbstmord als "großer Abgang" für Werner Pinzner: Die tödlichen Schüsse im Polizeipräsidium lösen in Hamburg und bundesweit Entsetzen aus. Wie konnte das passieren? Wer trägt die Konsequenzen?

Die Folgen

Die Folgen

Für die Hamburger Politik und Verwaltung ist die Bluttat ein Skandal. Die Sicherheitsvorkehrungen in Polizeigebäuden und Gefängnissen stehen massiv in der Kritik. Den Ermittlern wird vorgeworfen, dass sie Pinzner zu weit entgegengekommen sind. Die Senatoren für Inneres und Justiz (beide SPD) sind ohnehin schon angeschlagen - jetzt müssen Rolf Lange (links im Bild) und Eva Leithäuser (Mitte) zurücktreten. Bei den Wahlen 1986 verliert die regierende SPD - und das, obwohl sie vor Pinzners Taten noch als klarer Favorit gilt.

Auch auf dem Hamburger Kiez brechen andere Zeiten an.

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Frank Göhre

Romanautor und Kiezkenner

Pinzners Anwältin muss sich vor Gericht verantworten (hier mit ihrem eigenen Verteidiger im Bild). Sie wird wegen Beihilfe zum Mord angeklagt und zu sechseinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Vorübergehend darf sie nicht mehr als Rechtsanwältin arbeiten. Auch Pinzners Auftraggeber Peter N. wird verurteilt - zu lebenslanger Haft. Heute, 30 Jahre nach der Tat, leben beide wieder in Freiheit.

Die Erinnerung an Wolfgang Bistry halten seine Kollegen und Freunde wach. Für sie bleiben die Geschehnisse am 29. Juli 1986 und der getötete Staatsanwalt unvergessen.

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Max van Oosting, Rolf Bauer und Martin Köhnke

Bistrys Kollegen erinnern sich.

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Credits

Werner Pinzner

Eine Multimedia-Dokumentation über den Killer von St. Pauli

Redaktion:
Oliver Diedrich, Hanna Grimm, Dr. Jochen Lambernd (Leitung), Christian Spielmann (Bildbearbeitung)

Kamera:
Matthias Stepien und Joshua Zonnekein

Postproduktion:
Joshua Zonnekein

NDR.de bedankt sich für die tatkräftige Unterstützung bei der Umsetzung dieser Multimedia-Doku bei den Interviewpartnern sowie bei:

Polizeimuseum Hamburg

Staatsanwaltschaft Hamburg

Staatsarchiv Hamburg

Gaststätte "Zum Silbersack", Silbersackstr. 9, Hamburg-St. Pauli

 

Fotonachweise: Action Press (2), Polizeimuseum Hamburg (14), Ullstein Bild (3)

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