Stand: 11.07.2016 18:12 Uhr

Grindelhochhäuser: Früher Luxus, heute Kult

"Ich sag' immer: Wenn Hochhaus, dann oben." Gerda Heusler öffnet die Balkontür im 13. Stock eines der denkmalgeschützten Grindelhochhäuser in Hamburg-Harvestehude. "Was für eine Aussicht", sagt die 88-Jährige und blinzelt in die Nachmittagssonne. Seit Jahrzehnten genießt die Rentnerin diesen Blick, sie ist Mieterin der ersten Stunde und wohnt noch heute mit ihrem Mann in denselben drei Zimmern wie 1955. Für ihr heutiges Zuhause wurde am 12. Juli 1946 der erste Spatenstich gesetzt - für Deutschlands erste Wohnhochhäuser.

Wohnen im Denkmal - die Grindelhochhäuser

Mit der Dachterrasse, großen Fensterfronten, einem Müllschlucker im Treppenhaus, Fahrstühlen, einem eigenen Badezimmer in jeder Wohnung, einer Tiefgarage mit angeschlossener Tankstelle und viel Grün drumherum waren die Hochhäuser nach dem Krieg das Modernste, was es gab. "Alle haben uns beneidet", erinnert sich Heusler. Tausende Hamburger wollten einen Mietvertrag unterschreiben. Familie Heusler kannte jemanden, der für die Vergabe der Wohnungen zuständig war. "Sonst hätten wir keine Chance gehabt. Das ging nur über Kungelei."

Die ersten Giganten Deutschlands

2.000 Menschen zogen damals in die Hochhäuser, viele von ihnen Familien mit Kindern. Auch die beiden Töchter der Heuslers sind hier aufgewachsen. "Für die Kinder war das ideal. Und auch für die Mütter. Denn es gab einen Spielplatz mit einem Wärter, der aufgepasst hat", sagt die Rentnerin. Überhaupt war das Leben komfortabel. Die Bewohner kauften in Geschäften im Erdgeschoss. "Hier gab es alles vom Schlachter über den Juwelier bis zum Herrenausstatter. Man musste gar nicht weggehen."

Auch das soziale Leben spielte sich zwischen den Hochhauswänden ab. Mit den befreundeten Nachbarn habe es immer was zu feiern gegeben, schmunzelt Heusler. "Was meinen Sie, was wir hier im 13. Stock für Partys gegeben haben." Und auch der Alltag sei nie langweilig gewesen. Die Kinder hätten draußen gemeinsam gespielt, die Männer hätten sich nach der Arbeit auf eine Partie Schach und einen guten Tropfen getroffen und die Frauen seien jeden Morgen zum Klönschnack am Müllschlucker zusammengekommen.

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04:55

Die Grindelhochhäuser

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in Hamburg die ersten Wohn-Hochhäuser Deutschlands. Tausende Menschen fanden hier ein neues Zuhause. Video (04:55 min)

Bausünden und Schandfleck?

Den Müllschlucker gibt es heute nicht mehr und der gute Ruf der Grindelhochhäuser hat zwischenzeitlich gelitten. In den 1970er- und 1980er-Jahren verfielen die Bauten. Sie galten in Hamburg als Bausünden. Weil die Mieten günstig waren, zogen weniger wohlhabende Menschen ein. Immer mehr Läden schlossen. "Da hat sich die Stimmung schon sehr verändert", sagt Heusler. In den 1990er-Jahren investierte das städtische Wohnungbauunternehmen SAGA, dem zehn der zwölf Häuser gehören, 75 Millionen Euro. Auch ein weiteres Haus, das die Hamburger Presse als "Horrorhaus" titulierte, hat mittlerweile einen neuen Investor gefunden. Seit 2000 stehen die Häuser unter Denkmalschutz - denn heute gelten die ersten Hochhäuser Deutschlands als Symbol des Aufbruchs in eine bessere Zukunft nach dem Zweiten Weltkrieg.

Neues Leben für die Hochhäuser

Inzwischen sind die denkmalgeschützten Wohnungen wieder beliebt. Auch die Ladenlokale stehen nicht mehr leer. Allerdings haben hier statt Schlachtern, Bäckern und Juwelieren nun Künstler, Architekten und Modedesigner ein neues Zuhause gefunden. Wer durch den Park läuft, sieht Eltern, die mit ihren Kindern spielen, Rentner, die selbstangelegte Gärten bewundern, Jugendliche, die in den Hauseingängen chillen.

Auf einer Bank an einem Blumenbeet sitzen zwei junge Frauen. Die 24-jährige Çağla wohnt schon ihr ganzes Leben in den Hochhäusern. Jetzt planen sie und ihre Freundin Canan eine Wohngemeinschaft zu eröffnen - natürlich auch in den Grindelhochhäusern. "Ich würde nicht woanders wohnen wollen. Es ist super zentral und man hat viele Möglichkeiten wie Essen gehen oder shoppen." Besonders das Miteinander gefällt ihr. "Hier wohnen ja auch viele nette alte Damen", sagt sie.

"Wir gehen hier nicht weg"

Im 13. Stock schließt Gerda Heusler die Balkontür. Die Sonne hat sich hinter die Wolken verzogen. Daran, hier wegzuziehen, mag sie nicht denken. Ein Heim käme für sie nicht in Frage, schließlich könnte es nirgendwo so schön sein wie in ihren Grindelhochhäusern. "Wenn ich umziehe, dann nur nach Ohlsdorf - auf den Friedhof."

Eines der Grindelhochhäuser in Hamburg.

Grindelhäuser: Luxus, Schimmel und Kultstatus

Hamburg Journal -

Im Hamburger Grindelviertel entstand die erste Hochhaussiedlung nach dem Krieg - mit ganz besonderem Luxus. In den 90er Jahren verändert sich das Bild vom einstigen Vorzeigebau.

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28:30
NDR Fernsehen

Der Hausmeister der Kulthochhäuser

NDR Fernsehen

Tropfende Wasserhähne, klemmende Fenster, defekte Beleuchtung. Hyseyin Göncü betreut zusammen mit zwei Kollegen die Grindelhochhäuser, in denen rund 3.000 Menschen leben. Video (28:30 min)

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 10.07.2016 | 19:30 Uhr

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