Stand: 16.04.2015 07:09 Uhr  | Archiv

Die Handschuhe von Bergen-Belsen

Gerade mal zehn Jahre jung war Yvonne Koch, als sie im kalten November 1944 in einem Viehwaggon von der Slowakei nach Bergen-Belsen (Landkreis Celle) deportiert wurde. Ganze alleine. Ohne ihre Eltern. Wie durch ein Wunder überlebt sie den strengen Winter 44/45 sich selbst überlassen im Lager. Doch gesprochen hat sie über das Grauen in Bergen-Belsen zunächst nicht. Nicht mit ihren Eltern, nicht mit ihren Freunden, nicht mit ihrem eigenen Kind. Erst mit 75 Jahren fängt sie an, das dunkelste Kapitel ihres Lebens aufzuschreiben und auch darüber zu sprechen. Denn sie merkt, wie wichtig es für die nachfolgenden Generationen ist, über diese Zeit zu erfahren. Und am besten von jemanden, der wirklich dabei gewesen ist. Sie selbst sagt: "Anne Frank ist wohl im Februar 1945 in Bergen-Belsen gestorben. Ich kann das, was sie nicht mehr aufschreiben konnte, jetzt erzählen."

Yvonne Koch überlebte den Lager-Horror

Versteck im Klosterinternat wurde verraten

Ihre Eltern stammten aus jüdischen Familien, hatten aber geglaubt, als getaufte Christen vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geschützt zu sein. Sie versteckten ihre Tochter in einem Klosterinternat, weil sie dachten, dort sei sie sicherer. Doch das Versteck wurde verraten und Yvonne Koch kam alleine ins Lager nach Bergen-Belsen. Sie kannte niemanden und hatte keine Ahnung, was nun mit ihr passiert, wie sie erzählt. "Ich wusste wirklich nichts, ich hab immer nur gewartet, dass meine Eltern kommen und dass sie mich rausholen. Ich wusste nicht, warum ich dort bin."

"Jeden Tag mehr Leichen"

Der Horror in Bergen-Belsen wird erschreckend lebendig, wenn sie berichtet, dass jeden Tag mehr Leichen auf dem Gelände lagen, weil man diese schon nicht mehr beerdigen konnte. "Meine Mutter hat schwarze Haare gehabt und ich bin durch das Gelände gelaufen, habe zwischen den Leichen meine Mutter gesucht und immer wieder die schwarzen Haare." Sie sei unglücklich gewesen, als sie sie nicht finden konnte. "Ich hätte auch eine tote Mutter haben wollen. Hauptsache ich finde sie."

Bunte Handschuhe aus Decken

Solidarität und Mitgefühl erfuhr sie nicht. Ganz im Gegenteil: Die älteren nahmen ihr die ohnehin schon knappen Essensrationen weg. Nur eine russische Frau war anders und überraschte sie eines Tages sogar mit einem kleinen aber immens wertvollem Geschenk in dem kalten Winter: selbstgestrickte bunte Kinderhandschuhe. Die hatte sie aus Fäden von Decken gemacht. "Die hat sie mir gegeben, weil sie wahrscheinlich gesehen hat, wie erfroren meine Hände waren", sagt Koch. "Das war die einzige menschliche Wärme, die ich gehabt habe und die Handschuhe waren für mich wie für andere Kinder eine Puppe oder ein Teddybär."

Nach dem Lager das Wiedersehen

An den Tag der Befreiung durch die Engländer am 15. April 1945 hat Yvonne Koch keine Erinnerung. Sie lag zu der Zeit bereits im Koma. Ein englischer Soldat entdeckt sie in einer Baracke, sieht, dass sie noch atmet und bringt sie ins Lazarett. Zwei Monate später folgt dann das Wiedersehen mit ihren Eltern. Auch sie haben überlebt. Yvonne Koch wird tschechoslowakische Meisterin im Schwimmsport, studiert Medizin, forschte in den USA an einem Aids-Projekt und ist nun schon seit mehr als 50 Jahren mit Herbert, einem Deutschen, verheiratet.

Die bunten Handschuhe liegen mittlerweile in der Gedenkstätte Bergen-Belsen als Mahnung und gegen das Vergessen des Schreckens der Nazi-Herrschaft.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 15.04.2015 | 19:30 Uhr

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