Buchcover: Santiago Lorenzo - Wir alle sind Widerlinge © Heyne Verlag

"Wir alle sind Widerlinge": Realsatire in Dorfkulisse

Stand: 30.05.2022 06:00 Uhr

Der vierte Roman von Santiago Lorenzo, "Wir alle sind Widerlinge", wurde zur Sensation: Eine Viertelmillion Exemplare wurden allein in Spanien verkauft. Nun ist das Buch in deutscher Übersetzung erschienen.

Buchcover: Santiago Lorenzo - Wir alle sind Widerlinge © Heyne Verlag
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von Tobias Wenzel

2015 in Madrid: Manuel, ein Mann Mitte 20, verletzt in Notwehr einen Polizisten. Aus Angst vor einer Haftstrafe taucht er in einem verwaisten Bergdorf unter. Amüsant und doch auch berührend beschreibt Santiago Lorenzo, wie der technisch versierte Eigenbrötler Manuel sich in einem Haus einrichtet, in dem es anfangs nicht einmal Strom gibt. Den einzigen menschlichen Kontakt hat Manuel per Handy zu seinem Onkel, dem Erzähler des Romans. Der organisiert aus Madrid für seinen Neffen die wöchentliche Lieferung von Lebensmitteln und beschafft ihm einen Job als Konversationstrainer, der mit Spanisch-Lernenden übers Telefon spricht. Mit diesen Einnahmen kommt der genügsame Manuel über die Runden. Je weniger er hat, desto glücklicher ist er. Bis eine laute, reiche Familie aus Madrid ein Nachbarhaus im Dorf für die Wochenenden mietet und Manuels Ruhe stört. Erbost schmiedet er Rachepläne.

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Santiago Lorenzo: "Ich liebe Sabotage"

Auch der Autor lebt in einem Bergdorf und leidet unter Nachbarn aus Madrid: "Wie könnte man unbemerkt ein Haus sabotieren? Diese faszinierende Frage stand am Anfang meines Romans. Ich selbst zerstöre manchmal etwas Kleines der Wochenend-Dorfbewohner, die es einfach verdient haben. Besonders gerne nehme ich ihre Schilder mit der Aufschrift 'Achtung, Alarmanlage!' ab und werfe sie ihnen ins Haus. Damit signalisiere ich ihnen: 'Deine verdammte Sicherheit ist gar nichts wert!' So fühlen sie sich unwohl. Und eines Tages verschwinden sie dann. Ich liebe Sabotage."

Manuel sabotiert das Haus der Nachbarfamilie während ihrer Abwesenheit. Er versteckt etwa tierische Innereien als Stinkbomben in den Rollladenkästen und verstopft die Abflussrohre mit Spachtelmasse. Bis Manuel es übertreibt und zum gefährlichen Widerling wird, muss man als Leser immer wieder laut auflachen. Denn zuvor hat der spanische Autor die Familie beißend satirisch als abstoßend dargestellt. Für diesen Menschenschlag erfindet Manuel gar ein eigenes Wort: die Vulgst.

Die Vulgst […] war ein Sülzgewürst, das ohne Unterlass Anlass zur mannigfaltigen Lärmemission fand und aufgrund mangelnder Lumenzahl polterte, als gäbe es weder Halten noch Morgen. Wie jene, die sich seit eh und je die Zungen an den Kanten der Joghurtbecher aufreißen und sie dennoch immer wieder ablecken. Die Vulgst war ein Kompendium diachroner Imbezillitäten, exzessiver Ridikültur und säkularer Simplizität [...].

Urkomisch und erfrischend originell

In "Wir alle sind Widerlinge" wimmelt es nur so von Wortschöpfungen. Die Übersetzer Daniel Müller und Karolin Viseneber haben Großes geleistet. Allerdings hat dieses Buch eine Konstruktionsschwäche: Es ist nicht glaubhaft, dass Manuels Onkel nur auf Grundlage von Telefongesprächen derart präzise, nahezu allwissend die Entwicklung seines Neffen schildern kann. Trotzdem trübt dieses Manko kaum das Vergnügen beim Lesen des urkomischen und erfrischend originellen Romans. Mit dem hält der Autor nicht nur einem Teil der spanischen Gesellschaft den Spiegel vor. Der rücksichtslosen Familie im Roman hat der Autor eine Hausangestellte angedichtet, obwohl er das selbst für übertrieben hielt. Nachdem das Buch erschienen war, reisten Santiago Lorenzos Nachbarn an den Wochenenden tatsächlich mit ihrer Hausangestellten aus Madrid an. "Zuerst habe ich den Roman geschrieben - und jetzt kopiert ihn die Wirklichkeit", lacht Lorenzo.

Wir alle sind Widerlinge

von Santiago Lorenzo
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Spanischen von Karolin Viseneber und Daniel Müller
Verlag:
Heyne
Bestellnummer:
978-3-453-27328-3
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.05.2022 | 12:40 Uhr

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