Buchcover: Ines Burdow / Andreas Hüneke - Sweetheart, es ist alle Tage Sturm. Lyonel Feininger Briefe an Julia 1905 - 1935 © Kanon Verlag

"Sweetheart, es ist alle Tage Sturm": Feiningers Briefe an Julia

Stand: 05.07.2021 12:40 Uhr

Der berühmte Maler Lyonel Feininger lernte 1905 während einer Bahnfahrt Julia Berg kennen. Beide verliebten sich ineinander. Pünktlich zu Feiningers 150. Geburtstag erscheinen nun bisher unveröffentlichte Briefe von Feininger an Julia.

Buchcover: Ines Burdow / Andreas Hüneke - Sweetheart, es ist alle Tage Sturm. Lyonel Feininger Briefe an Julia 1905 - 1935 © Kanon Verlag
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von Annemarie Stoltenberg

Am 17. Juli 1871 wurde der Maler und Grafiker Lyonel Feininger in New York geboren, als Kind von zwei deutschen Musikern: dem Konzertgeiger Karl Feininger und der Pianistin und Sängerin Elisabeth Feininger. Während einer Konzertreise seiner Eltern kam er zum ersten Mal nach Deutschland und durfte bleiben, um die Kunstgewerbeschule in Hamburg zu besuchen. 1901 heiratete er die Pianistin Clara Fürst, mit der er zwei Töchter hatte. Feininger arbeitete damals als freier Illustrator und Karikaturist. Die Begegnung mit Julia war für ihn offenbar nicht nur die Liebe seines Lebens, die Begegnung mit dem einzigen Menschen, mit dem er sich nicht einsam fühlte, sondern es bedeutete für ihn auch den Beginn seiner Berufung als Künstler. In einem Feature des Mitteldeutschen Rundfunks, das die Herausgeber komponiert haben, wird die Liebes- und Lebensgeschichte der beiden eindrucksvoll vertont:

Gestern Abend bin ich genau wie Du draußen im Schnee fast gestorben vor Sehnsucht und einer unaussprechlichen Angst vor ich weiß nicht was. Als ob mir doch das Lebensglück mit Dir zusammen entwischen sollte. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben: Es ist eine Ausgeburt unseres wahnsinnigen Zustandes. Ausschnitt aus dem Feature

Lyonel Feininger und Julia Berg: Ein Paar auf Augenhöhe

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Feininger war 34, als sie sich trafen, Julia Berg war 25 Jahre alt. Sie konnten offenbar beide kaum fassen, was ihnen geschah. Leider hat Julia Feininger ihre eigenen Briefe an Lyonel für die Öffentlichkeit gesperrt. Es wäre schön, auch zu lesen, was sie ihm auf seine witzigen, originellen, gelegentlich mutlosen und verzweifelten Briefe geantwortet hat. Sie müssen eine bedingungslos empathische Beziehung gelebt haben. Ein Paar auf Augenhöhe, hochverliebt, dankbar für dieses Lebensgeschenk. Das Feature zu der Ausgabe mit Feiningers Briefen an Julia ist in der Audiothek des MDR nachzuhören. Das Buch mit den Briefen von Lyonel Feininger an Julia wurde sorgfältig ausgestattet mit einer Einbettung in die Zeitumstände, den Lebenslauf der beiden und ihre Bedeutung für die Klassische Moderne.

Eine "Blüte" hat meine Kunst nicht, dafür wurde ich zu alt. Im Leben selbst habe ich auch keine Blüte gehabt. Es reifte spät eine bittere Frucht, ich kaufte sie durch Arbeit und Willensaufwand. Geschenkt kam sie nicht. Will ich von einer Blüte sprechen, so bist Du diese Blüte in meinem Leben. Mein Anfang stammt aus unserer ersten Zeit, aus dem ersten Tage ….   Leseprobe

Bedeutsamer Ritt durch die Geschichte

Feiningers Briefe bedeuten für heutige Leser*innen einen erstaunlichen, historisch bedeutsamen Ritt durch die Gründerjahre, den Krieg, die Weimarer Republik, Inflation, die Entstehung des Bauhauses und den Beginn der Nazizeit, den er während eines Aufenthaltes an der Ostsee erlebte.

Er registriert erschüttert, den von den Urlaubern offen geäußerten Antisemitismus und die Juden-feindlichen Banner, die Besucher am Bahnhof oder auf einer Brücke entgegenblicken … Es wird Lyonels letzter Sommer dort. Leseprobe

Durch die Hilfe eines Kunstsammlers konnte das Ehepaar Feininger 1937 aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach New York flüchten, wo Feininger bis zu seinem Tod 1956 als freier Maler arbeitete. Wer gern etwas in der Hand hält, um eine Geschichte zu erfahren, ist mit dem Buch natürlich gut beraten. Ein Stück Kunstgeschichte in einer Liebesgeschichte erzählt. Auch das Radiofeature ist Genuss und Gewinn für Kopf und Herz.

"Sweetheart, es ist alle Tage Sturm. Lyonel Feininger - Briefe an Julia. 1905 - 1935"

Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kanon
Bestellnummer:
978-3-98568-009-2
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

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