Der Rapper Bushido Live im Konzert in Berlin (beim Citadel Music Festival 2010) mit jubelnden Fans © IMAGO / POP-EYE

"Gangstarapper treten nach unten und nach oben gleichzeitig"

Stand: 20.05.2021 20:40 Uhr

Gangstarap ist eine harte Spielart der Rapmusik. Was sagen deren Musik und Texte über die Gesellschaft aus? Das beleuchtet Martin Seeliger erfrischend im Sachbuch "Soziologie des Gangstarap. Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte".

Der Rapper Bushido Live im Konzert in Berlin (beim Citadel Music Festival 2010) mit jubelnden Fans © IMAGO / POP-EYE
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von Sebastian Friedrich

Martin Seeliger, Sozialwissenschaftler an der Universität Hamburg, interessiert sich für die Ambivalenzen im Gangstarap, leugnet dabei aber keineswegs die problematischen, etwa frauenverachtenden Texte. Das mit vielen Textbeispielen versehene Buch in klarer Sprache ist eine erfrischende Auseinandersetzung mit der Materie, weil Seeliger in die Tiefenstruktur der Rap-Texte blickt und den Gangstarap weder verherrlicht, noch verdammt.

Gangstarap ist eine besonders harte Spielart der Rapmusik, die auf dem deutschen Musikmarkt längst keine Nische mehr ist. Im Gegenteil: Auf den vorderen Plätzen der Charts der großen Streamingdienste finden sich zu Hauf Gangstarapper.

Dicka, gib mir zwölfeinhalb und ich Bau mich wieder auf / Zehntausend-Euro-Lederjacke wird gekauft / Ich bin grade wieder raus und sie schöpfen Verdacht.“ Song-Beispiel (187 Straßenbande: Intro)

 187 Straßenbande bedienen typische Motive des Gangstaraps

Martin Seeliger: "Soziologie des Gangstarap. Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte" (Cover) © Ullstein
Die Ghetto-Existenz ist ein zentrales Moment dieser Gangstarap-Geschichten, das zeigt Martin Seeliger in seinem Sachbuch.

Harte Beats, Texte über Drogen, Gefängnisstrafen und Frauen: Die Hamburger Rapper der 187 Straßenbande bedienen die typischen Motive des Gangstaraps. Doch mit Songs über dicke Karren und Taschen voller Geld ist die Geschichte dieses Genres nicht hinreichend erzählt - zumindest nicht für Martin Seeliger. Der Sozialwissenschaftler von der Universität Hamburg beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit dem Thema, hat Dutzende Fachaufsätze dazu geschrieben und einige Sammelbände herausgegeben.

Nun hat er seine Studien in einer Monographie zusammengefasst. Ihm geht es um eine Soziologie des Gangstaraps: "Wir sehen da soziale Ungleichheiten und Kämpfe um Anerkennung. Es geht da immer um Männer, die andere Männer und Frauen dominieren wollen. Es geht aber auch um Klassenverhältnisse, es geht um soziale Ungleichheiten, um Segregation in der Stadt, wer wohnt in welchem Viertel. Die Ghetto-Existenz ist ja ein zentrales Moment dieser Gangstarap-Geschichten. Und dann geht es natürlich um die deutsche Migrationsgeschichte.“

 Bushido und Eko Fresh: prägend für den deutschen Gangstarap

Für Seeliger ist der bereits 2006 erschienene Song "Gheddo" der beiden Rapper Bushido aus Berlin und Eko Fresh aus Köln-Kalk genreprägend für den deutschen Gangstarap.

Eko Fresh Ghetto Chef junge denn es muss sein / Köln Kalk Hartz 4 komm in meine Hood rein. / Komm und guck was es heißt im Block hier zu wohnen, / Wo man Leben muss von Drogen oder Prostitution. Song-Beispiel: Eko Fresh feat. Bushido: Gheddo

Seeliger interessiert sich für die Ambivalenzen im Gangstarap, aber leugnet dabei keineswegs die problematischen, etwa frauenverachtenden Texte. "Viele Sachen, die da gesagt werden, sind schrecklich. Andere sind auch wieder aufrüttelnd und in einem positiven Sinne anstößig, vielleicht sogar ein Stück weit emanzipatorisch und das ist eigentlich, was mich an dem Gangstarap so fasziniert. Um mal ein einfaches Bild zu bemühen: Die Gangstarapper, die treten nach unten und nach oben - gleichzeitig", so Martin Seeliger.

Ziel in den Texten: selbst ein Boss werden

So können Gangstarapper einerseits über das Leben in Armut rappen - und eine Strophe später gegen Hartz-IV-Beziehende polemisieren. Der Kapitalismus, so Seeliger, werde als Herausforderung angenommen, die man bewältigen müsse. Das Ziel sei es nicht, die ungleichen Verhältnisse abzuschaffen, sondern selbst innerhalb dieser Verhältnisse aufzusteigen. Kurz gesagt: selbst ein Boss zu werden.  Ein Paradebeispiel dafür ist einer der erfolgreichsten deutschen Rapper: Kollegah, dem sich Seeliger ausführlich in seinem Buch widmet.

Du bist Boss, wenn jeder zweifelnde Ruf verstummt / Weil der Wille zum Erfolg durch deine Blutbahn pumpt / Du bist Boss, wenn du deine Ziele fokussierst / Und dich jeden Morgen selber vor dem Spiegel motivierst. / Du bist Boss, wenn du in den Kampf gehst, den Mann stehst. Song-Beispiel: Kollegah – Du bist Boss

Da kommt dann auch wieder die Männlichkeit ins Spiel, weil man sich natürlich so in dieser Leistungsfähigkeit, die man an den Tag legen muss und die eben auch zur Schau stellen kann." sagt Seeliger.

Martin Seeligers Sachbuch dürfte ein Standardwerk werden

Das Buch ist eine erfrischende Auseinandersetzung, weil Seeliger in die Tiefenstruktur der Rap-Texte blickt und den Gangstarap weder verherrlicht noch verdammt. "Da kann man, da sind wir wieder bei dieser Ambivalenz, natürlich sagen, 'das ist ja eklig mit den Drogen und der Prostitution'. Andererseits gibt es ja nun mal diese Lebensbedingungen und diese gesellschaftlichen Verhältnisse und damit man sie politisch konstruktiv bearbeiten kann, müssen sie ja erst mal thematisierbar werden. Und ich denke, dazu kann Gangstarap einen Beitrag leisten."

In jedem Fall leistet Martin Seeliger einen wichtigen Beitrag, um Gangstarap besser zu verstehen. Für die soziologische und kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung dürfte sein Buch ein Standardwerk werden. Und dank der vielen Textbeispiele und der klaren Sprache ist es nicht nur für Fachwelt lesenswert.

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Soziologie des Gangstarap. Popkultur als Ausdruck sozialer Konflikte

von Martin Seeliger
Seitenzahl:
234 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Beltz
Veröffentlichungsdatum:
14. April 2021
Bestellnummer:
978-3-7799-6578-7
Preis:
16,95 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 20.05.2021 | 18:00 Uhr

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