Stand: 22.05.2018 16:55 Uhr

Die Beziehung zwischen Geist und Körper

Die Illusion der Gewissheit
von Siri Hustvedt, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Bettina Seifried
Vorgestellt von Tobias Wenzel

Die Frau von Paul Auster, die auch Romane schreibt - auf diese Rolle wird Siri Hustvedt häufig reduziert. Dabei hat die promovierte Literaturwissenschaftlerin deutlich mehr zu bieten als einen berühmten Ehemann. Der beste Beweis: ihr neues Buch "Die Illusion der Gewissheit".

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In ihrem ersten Buch verarbeitete Hustvedt Gedichte, später schreibt sie Romane. "Die Illusion der Gewissheit" ist nun ein durch und durch wissenschaftliches Buch.

Seit den 90er-Jahren beschäftigt sich Hustvedt intensiv mit der "biologischen Dimension der menschlichen Erfahrung". Vom deutschen Feuilleton fast unbemerkt, hat sie sich zu einer Wissenschaftlerin entwickelt. Sie veröffentlicht Artikel in psychiatrischen Fachzeitschriften, hält Vorträge auf neurowissenschaftlichen Kongressen und unterrichtet in New York Ärzte in "Narrativer Psychiatrie".

Mit dem Hintergrund einer Erzählerin und Geisteswissenschaftlerin befasst sich Hustvedt auch in ihrem neuen Buch "Die Illusion der Gewissheit" mit den Neurowissenschaften und vor allem einer der ganz großen Fragen der Philosophie: In welchem Verhältnis zueinander stehen Körper und Geist?

Der Mensch ist keine Maschine

"Als ich noch sehr klein war, habe ich meine Puppen geliebt. Und ich hatte die magische Vorstellung, dass sie sich vielleicht nachts verselbständigen und bewegen. Am Morgen habe ich dann meine Puppen sehr genau betrachtet, um festzustellen, ob etwas in der Nacht vorgefallen war."

Die Vorstellung, eine Puppe könne belebt sein, erinnert an die Idee der künstlichen Intelligenz. Allerdings schreibt Hustvedt: "Vernunft ist kein Zustand der rein logischen Berechnung, sondern wird von Gefühlen durchdrungen." Während Menschen ein "affektives Vorstellungsvermögen" besitzen, das es ihnen erlaubt, eine Puppe als belebt zu denken, kann man eine gefühllose Maschine eben nicht mit dieser von Emotionen bestimmten Vorstellungskraft einfach mal so programmieren.

Das aber behauptet unter anderem der Kognitionswissenschaftler und Bestsellerautor Steven Pinker. Für ihn ist der Geist ein Informationssystem, das man vom Körper getrennt denken kann und muss. "Demzufolge wäre der Körper nur ein beliebige Sache, die Hardware für die Software des Geistes. Ich glaube, Pinker irrt gewaltig", verteidigt Hustvedt ihre These. Besonders in den USA sei er zwar ein sehr populärer Autor, aber "er verkauft Hypothesen, als wären es absolute Wahrheiten."

Welche Rolle spielt die Geburt?

In ihrem anspruchsvollen philosophischen Essay "Die Illusion der Gewissheit" lobt Siri Hustvedt den Zweifel und kritisiert Neurowissenschaftler und Philosophen dafür, dass sie die von René Descartes bekannte Trennung von Geist und Körper unkritisch voraussetzen.

Hustvedt selbst leuchtet vielmehr die These des sogenannten Embodiment ein. Damit ist gemeint: Bewusstsein setzt einen Körper voraus. Und ein Körper bewegt sich nun mal in der Welt und ist deshalb nicht ohne seine Umwelt zu denken. So hat Hustvedt zufolge die westliche Philosophie bisher die Geburt sträflich vernachlässigt. Dabei sei es doch fundamental, dass wir alle aus einem anderen menschlichen Körper, aus der überlebenswichtigen Umwelt der Mutter, hervorgegangen sind.

Auch ein Arzt könne ein wichtiger Teil unserer Umwelt sein. Hustvedt versteht den Placebo-Effekt, also dass sich Patienten besser fühlen, nachdem sie ein Medikament ohne pharmakologischen Wirkstoff bekommen haben, als Teil der Arzt-Patienten-Beziehung:

"Der Arzt verschreibt dem Patienten eine Tablette. Und was dann im Nervensystem des Patienten passiert, ist eine körperliche Wiederherstellung oder eine unbewusste Erinnerung von beziehungsweise an Zeiten, in denen man ein glückliches Kleinkind war, das von der Mutter gut versorgt wurde. Wenn man das so versteht, hat man es mit einer wechselseitigen Beziehung von Geist, Körper und Umwelt zu tun. Dann trennt man diese drei Bereiche nicht."

Hustvedt: "Ich habe nicht das Leib-Seele-Problem gelöst!"

"Die Illusion der Gewissheit" spiegelt Siri Hustvedts intellektuelle Reise wider. Hier und da lockert sie ihre Ausführungen mit Episoden aus ihrem Leben auf. Trotzdem ist dieser Essay kein leicht zu lesendes persönliches Sachbuch wie "Die zitternde Frau", sondern ein wissenschaftlicher Text mit zahlreichen Quellen und Belegen darüber, wie man das Wesen des Menschen angemessen beschreiben kann und wie nicht.

Im Mittelpunkt steht die Frage wie sich der Geist zum Körper verhält. Eine Frage, mit der sich Philosophen unter den äquivalenten Bezeichnungen Leib und Seele schon seit Jahrhunderten herumschlagen. "Ich habe nicht das Leib-Seele-Problem gelöst! Falls das jemand gehofft haben sollte", sagt die Autorin lachend. Aber ein kluges, anregendes Buch ist Siri Hustvedt sehr wohl gelungen.

Die Illusion der Gewissheit

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt Verlag
Bestellnummer:
978-3-4980-3038-4
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.05.2018 | 12:40 Uhr

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