Ausgezeichnet mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis: "Unsichtbare Frauen"

Stand: 14.11.2020 23:01 Uhr

"Unsichtbare Frauen" von Caroline Criado-Perez gewinnt den NDR Kultur Sachbuchrpreis 2020. Die Britin zeigt darin eindrucksvoll, dass immer noch Männer in Statistiken und Studien dominieren - mit teils fatalen Folgen für Frauen.

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von Verena Gonsch

Forscher auf der ganzen Welt suchen derzeit fieberhaft nach einem Impfstoff gegen Corona, oder fangen an, Medikamente zu testen. Caroline Criado-Perez fürchtet, dass diese Krise vor allem zu Lasten von Frauen geht. In erster Linie, weil sie überwiegend die Pflege- und Carearbeit leisten, aber auch, weil die Medizin meist an männlichen Bedürfnissen ausgerichtet sei. Medikamente würden zumeist an Männern getestet, vor allem aus Kostengründen: "Ja, es ist teurer, weil wir den weiblichen Zyklus berücksichtigen und Frauen in unterschiedlichen Phasen testen müssen. Aber: Frauen sind die Hälfte der Weltbevölkerung - das ist kein Nischenthema."

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Die Gewinnerin und der Gewinner des NDR Kultur Sachbuchpreises © Andreas Kossert / Caroline Criado-Perez Foto: Ulrike Schneider / Caroline Criado-Perez

Criado-Perez und Kossert erhalten NDR Kultur Sachbuchpreis 2020

Die Autorin und der Autor werden in einer Sondersendung für ihre Bücher "Unsichtbare Frauen" und "Flucht" ausgezeichnet. mehr

Die 35-jährige Feministin, die in Großbritannien die bekannte Website "The Women's Room" betreibt, hat auf über 400 Seiten akribisch aufgelistet, in welchen Bereichen Frauen den Kürzeren ziehen. Beispiele aus Politik, Technologie, Arbeitswelt, Stadtplanung, Medizin und Forschung zeigen, wie männliche Daten die Grundlage für viele Entscheidungen sind. Das beginnt beim Thema Medizin und geht über die Temperatur-Einstellung bei Klima-Anlagen bis zu den ausschließlich männlichen Puppen bei Crashtests. Die Autorin beklagt: Diese Welt ist eine Welt, die vor allem männliche Daten sammelt. Sie nennt es "Gender Data Gap". Die Frauen ziehen den Kürzeren.

Eine Sammlung von Ungerechtigkeiten

"'Gender Data Gap' meint, dass der Großteil der Daten, die wir jahrelang gesammelt haben und immer noch sammeln, Daten über Männer sind. Deshalb wurde fast alle so entwickelt, dass es für Männer passt, von der Politik bis zu Smartphones." Die Berechnung der Welt mit Algorithmen verschärft diese Situation noch, sagt Criado-Perez. Denn auch Algorithmen werden zumeist von männlichen Programmierern mit Daten gefüttert. Ein Manko, dass auch die IT-Welt schon oft beklagt hat. In den USA hat das dazu geführt, dass Bewerbungsgespräche durch einen KI-Roboter ausgesetzt wurden, weil die KI immer den männlichen Bewerber bevorzugte. "Wir programmieren die Algorithmen mit Daten, die eine große Lücke haben. Wir bringen ihnen unsere eigene Voreingenommenheit bei", erklärt Criado-Perez.

"Unsichtbare Frauen" ist ein Mammutwerk, eine Sammlung von Ungerechtigkeiten. Ihr Buch widmet die Autorin übrigens den beharrlichen Frauen, verbunden mit dem Appell: "Bleibt verdammt noch mal schwierig!" Beharrlich ist Criado-Perez selbst: Sie hat durchgesetzt, dass neben vielen Männern auch eine Frau auf britischen Banknoten abgebildet ist und dass auf dem Parliament Square in London eine Statue der Frauenrechtlerin Millicent Fawcett steht - übrigens auch als einzige Frau im Reigen vieler Männer.

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"Flucht" und "Unsichtbare Frauen" gewinnen Sachbuchpreis 2020

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Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert

von Caroline Criado-Perez, aus dem Englischen von Stephanie Singh
Seitenzahl:
496 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
btb Verlag
Veröffentlichungsdatum:
10.02.2020
Bestellnummer:
978-3442718870
Preis:
15,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.11.2020 | 10:20 Uhr

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