Ausgezeichnet mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis: "Flucht"

Stand: 11.11.2020 16:27 Uhr

Das Buch "Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" von Andreas Kossert gewinnt den NDR Kultur Sachbuchpreis 2020. Der Historiker schreibt über Flüchtlinge als Akteure der Weltgeschichte.

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von Juliane Bergmann

"Ich bin die große Sorge vieler Bürger in diesem Land", schreibt die Juristin Vinda Gouma aus Syrien Anfang 2019 in einem Leserbrief im "Tagesspiegel". "Denn ich bin gefährlicher als Altersarmut, Misshandlungen in den Familien, Umweltverschmutzung, Drogenkonsum, Klimawandel, Mangel an Pflegekräften und Erziehern. Ich bin derjenige, der sich immer schämt, Nachbarn zu begrüßen, wenn wieder irgendwo etwas passiert. Ich bin die Flüchtlinge! Und zwar alle Flüchtlinge. Ich habe durch den Krieg Freunde und Verwandte verloren, Wohnung, Job, Auto, meine Vergangenheit und meine Heimat. Aber ein Verlust, den ich erst später gespürt habe, ist meine Individualität, die ich am Schlauchboot an den Grenzen Europas zurückgelassen habe." Eine Botschaft, die sprachlos macht.

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Die Gewinnerin und der Gewinner des NDR Kultur Sachbuchpreises © Andreas Kossert / Caroline Criado-Perez Foto: Ulrike Schneider / Caroline Criado-Perez

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Anhand solcher Zitate veranschaulicht der Historiker Andreas Kossert in seinem Buch, was es für viele Menschen heißt, zum anonymen Kollektiv der "Flüchtlinge" zu gehören. Sie werden zur Projektionsfläche für jene, die Angst haben - zur Bedrohung. Deutsche Landsleute aus Ostpreußen, Böhmen oder Schlesien fühlten sich jenseits von Oder und Neiße lange Zeit als "die Flüchtlinge", genauso wie die Menschen aus Syrien, aus Afghanistan oder den Staaten Afrikas, die heute nach Europa kommen.

Jeder kann morgen ein Flüchtling sein

Als Forscher bei der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin weiß Kossert, wovon er spricht, wenn er schreibt: "Jeder kann morgen ein Flüchtling sein". Er zitiert Rupert Neudeck, den Gründer der Hilfsorganisation "Cap Anamur" zur Rettung vietnamesischer Boatpeople, der selbst 1945 aus Danzig fliehen musste:

"Eigentlich haben die meisten Menschen einen Hintergrund, der mit Migration und Flucht zu tun hat. Und auch wer zu wissen meint, dass seine Familie schon immer da war, wo er jetzt lebt, sollte sich nicht so sicher fühlen. Es könnte durchaus sein, dass es ihn oder seine Nachkommen in Zukunft doch noch erwischt." Rupert Neudeck

Die Weltgeschichte aus der Perspektive von Flüchtlingen

In seinem Buch lässt Kossert Menschen zu Wort kommen, die aufgrund politischer, religiöser oder ethnischer Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten - mit ihren ganz persönlichen Eindrücken: Erschöpfung, Hunger, Verzweifelung, Gewalt. Seine Quellen sind Tagebücher, Erinnerungen und Autobiographien, aber auch journalistische Reportagen. Ganz wunderbar-atmosphärisch: Er bezieht außerdem literarische und lyrische Texte ein - von Autorinnen und Autoren mit eigener Fluchtgeschichte, etwa Judith Kerr, Bertolt Brecht oder Saša Stanišić.

Dem Historiker Kossert geht es nicht um die Verantwortlichen und deren Absichten, nicht um Zahlenspiele und Statistiken. Er erzählt die Weltgeschichte ausschließlich aus der Perspektive von Flüchtlingen - das berührt. Ein neuer Blick ist dies auf ein Thema, zu dem eigentlich schon alles gesagt schien. Kossert macht in einer geschichtlichen Reise von der Vormoderne bis in die Gegenwart deutlich: Flucht ist eine historische Konstante, über die Jahrtausende. Und Willkommenskultur ist eine Ausnahme.

Nach der Flucht: Weiterleben und Erinnern

Im einfühlsam geschriebenen "Heimat"-Kapitel, unterteilt Kossert die Flucht nicht nur ins Weggehen und Ankommen, er ergänzt auch die nächsten Schritte, die lebenslang dauern: Weiterleben und Erinnern. Die Fluchterfahrung und der Verlust begleiten einen Menschen für immer. Heimatgefühl entsteht im Heimweh:

"Gerade weil sie entwurzelt sind, bemühen sich Flüchtlinge, sich ihrer Herkunft und damit ihrer Identität auf besondere Weise zu versichern. Ohne festen Stand, ohne Wurzeln ist diese Identität das einzige, was ihnen geblieben ist. Das Wissen um das Woher verleiht ihnen die Kraft, im Exil überhaupt zu überdauern." Leseprobe

Eine faszinierende Sammlung

"Flucht. Eine Menschheitsgeschichte" ist ein Buch mit Haltung und eine faszinierende Sammlung an Stimmen, die nachhaltig berühren. Nicht zuletzt leistet es auch einen Beitrag zur aktuellen Debatte: Kossert plädiert dafür, zwischen den berechtigten Bedürfnissen der aufnehmenden Gesellschaft und der notwendigen Solidarität mit Flüchtlingen abzuwägen. Er fordert ein schnelles und transparentes Asylverfahren. Jeder, der Hilfe brauche, solle auch Hilfe bekommen.

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Flucht. Eine Menschheitsgeschichte

von Andreas Kossert
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Siedler Verlag
Veröffentlichungsdatum:
12.10.2020
Bestellnummer:
978-3-8275-0091-5
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 12.11.2020 | 10:20 Uhr

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