Stand: 21.08.2018 12:40 Uhr

Radikale Selbstfindung eines jungen Mädchens

Bungalow
von Helene Hegemann
Vorgestellt von Juliane Bergmann
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Der zweite Roman von Helene Hegemann ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Mit ihrem Debütroman "Axolotl Roadkill" wurde Helene Hegemann, Jahrgang 1992, als literarische Stimme ihrer Generation gefeiert - bis das Buch wegen Plagiatsvorwürfen in den Mittelpunkt der Feuilletons geriet. In ihrem neuen Roman nimmt sie es mit den Verweisen genau - "inspiriert von" heißt es im Anhang deshalb mehrmals. "Bungalow" ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Ein Großstadtviertel. Hochhaussiedlung. Sozialer Brennpunkt. Um die Jahrtausendwende geboren, wächst hier die Ich-Erzählerin Charlie auf.

"Ich befand mich zu Hause, in der Nähe meiner Mutter, die in ihrer eigenen Kotze lag und heulte." Leseprobe

Charlies Mutter trinkt ohne Hemmung, bis sie verwirrt durch die Wohnung streunt - und am Ende das Bewusstsein verliert. Immer folgen dann ein paar Tage Nüchternheit und Versprechen - leere Worthülsen. Vom Erwachsenwerden in diesem Zuhause erzählt Charlie in Rückblicken. Und das zunächst ziemlich fragmentarisch und anstrengend. Zeitsprünge, Perspektivwechsel und Andeutungen stiften mehr Verwirrung, als dass sie Spannung erzeugen. Aber nach einigen Kapiteln bekommt Helene Hegemann zum Glück die Kurve und minimiert die unnötige Effekthascherei auf ein vertretbares Maß. Sie besinnt sich auf das, was sie kann: Atmosphäre schaffen. Vorapokalyptisch spürt Charlie...

"...eine Vorwarnung auf in naher Zukunft drohende Notstandsgesetze. Bezüglich eines Zeitalters, mit dem niemand gelernt hatte umzugehen, kein Selbstmitleid, eher Bewegungsstarre plus erschrocken, Flammenwerfer, wir waren Speere der Verdammnis, Mythos, Geschichte, Stille, Verwandlung, Moskau, Rom, Paris, Berlin." Leseprobe

Georg und Maria - die erste große Liebe

Das Land steht vor einem Zusammenbruch. Menschen hauen ab oder nehmen sich das Leben. Und mittendrin wird Charlie zum Teenager, mit allem, was dazugehört: erstes Mal Porno sehen, erstes Mal schminken, auch ihr erster Alkohol-Absturz. Jungs in ihrem Alter sind noch unreif, Kumpeltypen. Als dann im schicken Bungalow gegenüber ein charismatisches Paar einzieht, Georg und Maria, werden sie für Charlie das, was man erste große Liebe nennt.

"Ich liebte beide. Mit einer Bedingungslosigkeit, deren Grund mir bis heute nicht ganz klar ist und pervers vorkommt. Sie waren mein größter Einfluss. Meine größten Feinde." Leseprobe

"Man fühlt sich dem Erzählten ziemlich nah"

Verspielt feiert Hegemann Details und Nebenschauplätze: im Fernsehen laufen Reportagen über eine Glückskeksfabrik, beim Schulfreund hängt eine Rolf-Zuckowski-Autogrammkarte an der Wand, Georgs Großvater kannte 20 Zubereitungsarten für Kartoffeln. Die zuweilen fahrige Dramaturgie nimmt der Leser Helene Hegemann nicht allzu krumm, gleicht sie die doch mit Sprachgeschick aus. Wo auch immer der Leser hineingerät, er fühlt sich dem Erzählten ziemlich fix ziemlich nah. Knackig und originell beschreibt die Autorin Szenen, Gedanken, Figuren.

Dystopie, sozialer Abgrund und ein bisschen Sex - erstaunlich, wie der Roman diese Welten verbindet. Unangestrengt, dezent verstolpert, aber stimmungsvoll und dicht.

Bungalow

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin Verlag
Bestellnummer:
978-3-446-25317-9
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.08.2018 | 12:40 Uhr

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