Stand: 19.09.2018 12:40 Uhr

Berührendes Buch über den Krieg in Syrien

Die Verängstigten
von Dima Wannous
Vorgestellt von Ita Niehaus

Seit Jahrzehnten herrscht in Syrien das Assad-Regime, bereits sieben Jahren schon tobt der Bürgerkrieg. Eine Reaktion des Regimes auf Forderungen nach Demokratie und Freiheit. Ein Ende des Krieges ist derzeit nicht in Sicht. Wie kann ein Mensch mit dauerhaftem Leid leben - mit Terror, Gewalt und Tod? Der neue Roman der syrischen Schriftstellerin Dima Wannous "Die Verängstigten" gibt schon im Titel eine Antwort.

Angst ist das vorherrschende Gefühl

Bild vergrößern
Dima Wannous lebt im Exil in London. Ihr Roman "Die Verängstigten" stand auf der Shortlist für den "International Prize for Arabic Fiction 2018".

Angst. Es geht vor allem um Angst. Und um die Angst vor der Angst. 247 Seiten lang. Ohne Atempause.

"Diese Angst ist wirklich ein Gefühl, was sich in jeder Zelle, in den Gehirnwindungen, den Poren und in der Haut, in allen Körperteilen und in der Erinnerung festsetzt und das Leben von Millionen von Menschen in eine Hölle verwandelt", erklärt die Autorin

Die beiden Hauptfiguren des Romans von Dima Wannous begegnen sich um die Jahrtausendwende konsequenterweise in einer psychotherapeutischen Praxis in Damaskus. Es ist der Beginn einer Liebe - zwischen der 30 Jahre alten Suleima und dem Arzt und Schriftsteller Nassim. Einer Liebe, geprägt vom Alltag in der zerrissenen syrischen Gesellschaft, von Krieg und Diktatur. Nassim wird vom Geheimdienst verhaftet, eingesperrt in eine Zelle mit anderen Gefangenen.

"Der Mann nahm seine Hand und flüsterte ihm zu: 'Irgendwann werden wir diesen Ort lieben.' Diese Worte ließen Nassim im Innersten erbeben. Nassim, für den die Liebe etwas Selbstverständliches war! Würden sie so lange bleiben, bis sie sich an den Ort gewöhnen und ihn lieben würden? (...) Nassim wurde nicht geschlagen. Aber er habe sich in jeder Sekunde dieser dreißig Tage den Tod gewünscht, erzählte er mir." Leseprobe

Geschichte mit autobiografischen Zügen

Während des Bürgerkrieges flieht Nassim nach Deutschland. Der Kontakt bricht zunächst ab, eines Tages bekommt Suleima ein Romanmanuskript von ihm. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, sie heißt Salma und hat viel mit Suleima gemeinsam. Auch gegen Salmas Angst helfen keine Beruhigungsmittel, auch sie verlor früh ihren Vater, hat eine komplizierte Beziehung zur Mutter und auch ihre Familie ist während der Diktatur auseinandergebrochen.

"Das ist ein Stilmittel, ich wollte es so schreiben. Ich wollte sehen, ob Salma vielleicht ein Bild, ein Spiegel von Suleima ist, ob Salma eine fiktive Person ist, ob Suleima eine Figur in den Augen von Nassin ist oder in den eigenen Augen - also es ist ein Spiel mit den Spiegeln, insofern ein Roman im Roman, weil die beiden Figuren Spiegel von einander sind", erklärt die Autorin.

Für Suleima ist Nassims Roman Anlass, ihre eigene Geschichte zu ergründen und letztendlich zu sich selbst zu finden. Viele ihrer Erinnerungen sind beklemmend und schmerzhaft. Der Roman ist dicht und virtuos erzählt, poetisch, mit einem genauen Blick für die Absurditäten des syrischen Alltags. Suleima trägt biografische Züge der Autorin Dima Wannous.

"Alles, was ich geschrieben habe, hat mit uns zu tun. Das was Suleima, Salma und Nassim erlebt haben ist das, was die Syrer in Jahrzehnten der Unterdrückung und Diktatur erlebt haben", erzählt Wannous. "Die Frage, die sich mir stellte: Wie kommt es, dass der Mensch sich in eine Bestie verwandelt oder andere Leute zu einer zerbrechlichen Natur werden, manche voller Angst sind und mache vielleicht den Verstand verlieren."

Überleben mit traumatischen Erfahrungen

Eine Befreiung von der Angst gibt es nicht. Auch diejenigen, die aus dem Land geflohen sind, müssen mit ihren traumatisierenden Erfahrungen leben. Suleima geht zwischendurch nach Beirut, kehrt am Ende jedoch zurück nach Damaskus - und zu ihrer Mutter.

"Ich wollte nicht in einer Stadt übernachten, in der mein Vater nicht gestorben und mein Bruder nicht entführt worden war. Nassims Wohnung war dort in Damaskus. Ich habe keine Wohnung. Aber dort wartete etwas auf mich und hier hielt mich nichts." Leseprobe

Dima Wannous lebt im Exil in London. Ihr Roman "Die Verängstigten" stand auf der Shortlist für den "International Prize for Arabic Fiction 2018", dem bedeutendsten Literaturpreis der arabischen Welt. Es ist ein Buch, das die Augen öffnet und zutiefst berührt. Manchmal so sehr, dass es kaum zu ertragen ist. Wer die syrische Tragödie verstehen möchte, sollte es unbedingt lesen.

Die Verängstigten

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blessing Verlag
Bestellnummer:
978-3-89667-627-6
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.09.2018 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

04:47
Kulturjournal
05:41
NDR Fernsehen