Stand: 28.05.2018 14:09 Uhr

Die "blinden Flecken" in der 68er-Analyse

Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte
von Christina von Hodenberg
Vorgestellt von Verena Gonsch, NDR Info

Wer waren "die 68er" und welche Bedeutung hatten sie? In diesen Monaten wird viel darüber gestritten. Grundlage dafür sind häufig aktuell erschienene Bücher. Die Historikerin Christina von Hodenberg räumt in ihrem Buch mit ein paar vermeintlich gesellschaftlichen Gewissheiten auf.

Christina von Hodenberg ist zwar in Deutschland geboren, hat aber seit dem Abitur fast ununterbrochen im Ausland gelebt und geforscht. Erst in den USA, an den Elite-Unis Stanford und Berkeley, seit einiger Zeit ist sie Professorin für Geschichte an der Queen Mary University in London. Dieser Blick von außen tut dem Thema 1968 gut, denn die 52-jährige Wissenschaftlerin entlarvt viele blinde Flecken in der Debatte um die Alt-68er. Auf die Spur gekommen ist sie diesen per Zufall bei der Suche nach Quellenmaterial, berichtet sie: "Ich hatte vor, ein Buch zur Geschichte alter Menschen zu schreiben. Ich war auf der Suche nach Quellen, die zeigen, wie alte Menschen damals selbst gesprochen haben - und habe zuerst gar nichts gefunden. Dann habe ich in einem Keller in Heidelberg sehr viele Tonbänder einer psychologischen Großstudie ausgegraben, die 1965 anfing und Interviews mit über 200 Leuten enthielten. Beim Anhören dieser Tonbänder fiel mir dann auf, dass man einen ganz anderen Blick auf die späten 60er-Jahre bekommt, auf die Proteste und auch auf das Verhältnis der Generationen zu dieser Zeit."

Buchcover: "Das andere Achtundsechzig". © Beck Verlag

Buch-Tipp: "Das andere Achtundsechzig"

NDR Info - Buchtipp -

Stimmt es eigentlich, dass Frauen in der 68er-Bewegung keine Rolle spielten? Dass die Generationen um Politik stritten? Christina von Hodenberg gibt in ihrem Buch Antworten.

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Frauen wurden öffentlich nicht ernst genommen

Der erste Mythos, den sie entlarvt, ist der, dass die 68er-Bewegung die von Rudi Dutschke, Daniel Cohn-Bendit und anderen jungen Männern war und Frauen nur eine untergeordnete Rolle spielten. Das stimmt so nicht, sagt Christina von Hodenberg: "Ich habe diese klassische Erzählung eine gewisse Zeit lang mitgetragen, 68 auch als Duell von jungen und alten Männern gesehen. Eines der Probleme ist auch, dass es nicht so viele Quellen von Frauen gibt. Die gibt es nicht, weil Frauen von den Medien nicht so ernst genommen wurden und auch nicht entsprechend aufgetreten sind."

Ein Beispiel: Von dem berühmten "Tomatenwurf" einiger Frauen auf 68er-Aktivisten gibt es kein Filmmaterial. In Polizeiberichten konnte Christina von Hodenberg lesen, dass die Aktivistinnen bei Demos nach Hause geschickt wurden, während die Männer mit auf die Wache kommen mussten.

Es gab keinen Generationenkonflikt

Die Historikerin entlarvt auch einen zweiten Mythos: die Geschichte vom großen Generationenkonflikt zwischen Studenten und ihren Eltern aus der Nazi-Generation. In der Realität habe es diesen nicht gegeben, sagt von Hodenberg, abgesehen von Einzelbeispielen, die in den Medien hochgespielt wurde: "Es war nicht alles friedlich in den Familien damals. Aber die typischen Konflikte spielten sich eigentlich ab um Dinge, die nicht so ungewöhnlich sind: Welchen Ehepartner heiraten die jungen? Wann wird geheiratet? Welcher Beruf wird ergriffen? Oder es ging um Geldprobleme. Das sind Sachen, um die sich die Leute in die Haare kriegen, nicht so sehr die Politik der Zeit oder die Frage, was hat der Vater im Krieg gemacht?"

Die Chance auf einen anderen Blick

Und noch etwas arbeitet von Hodenberg deutlich heraus: 68 war eine Studentenrevolte, sie war aber mitnichten der Startschuss für alle Veränderungen der Bundesrepublik der kommenden Jahrzehnte. Die Frauenbewegung nahm dort ihren Anfang, nicht aber die Umweltbewegung.

"Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte" von Christina von Hodenberg bietet ein Füllhorn an Denkanstößen zu dem Thema - und die Chance auf einen zweiten Blick auf 1968.

Das andere Achtundsechzig. Gesellschaftsgeschichte einer Revolte

von
Seitenzahl:
308 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C.H.Beck
Veröffentlichungsdatum:
15. Februar 2018
Bestellnummer:
978-3406719714
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 28.05.2018 | 12:50 Uhr

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