Deckenfresko Michelangelos mit dem Ausschnitt - Die Erschaffung Adams - in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan ( © MAGO / imagebroker

"Michelangelo": Bredekamps Biografie des "göttlichen Künstlers"

Stand: 14.09.2021 10:41 Uhr

Horst Bredenkamps halbes Jahrhundert Forschung über Michelangelo und die Renaissance steckt in diesem opus magnum: dem Sachbuch "Michelangelo". Es erinnert in seiner Lust am Erzählen und in seiner Einfühlsamkeit an Skulpturen des Meisters.

Horst Bredekamp: "Michelangelo" (Cover) © Wagenbach
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von Jürgen Werth

Wenn jemand die Bedeutung von Bildern kennt, dann Horst Bredekamp. Studiert hat er in Kiel, war Professor für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg und lehrte an der Berliner Humboldt-Universität. Seine Spezialität: die Renaissance. Nun hat Bredekamp die Summe seiner Forschungen in einem kompakten Werk vorgelegt, das sich auf einen Künstler konzentriert. "Michelangelo".

Ein Mann steht auf einem Gerüst und bemalt eine Decke. Farbtropfen fallen ihm auf den Kopf. Oft muss er sogar im Liegen malen. Ein schlechter Platz. Inzwischen aber hat Michelangelo einen der ersten Plätze in der Weltkunst eingenommen.

Sachbuch und opus magnum über "Michelangelo"

Horst Bredekamp blickt zurück auf ein halbes Jahrhundert Erfahrungen, die er mit dem "göttlichen" Künstler gemacht hat. Mehr als 800 Abbildungen auf ebenso vielen Seiten geben den Blick frei auf einen Mann, der mit Eindeutigkeiten nicht dienen konnte, im Gegenteil. Michelangelo, der Beschwörer der Zartheit, etwa in seinen Darstellungen der Pietà - er konnte auch den Zorn in Stein meißeln. Nicht umsonst hat er sich den Spitznamen "Der Schreckliche" eingehandelt. Mit beispielloser Raffinesse übersah er das Kleine nicht, auch wenn er sich dem Monumentalen widmete. Ein Diener der Kirche, der sich mit dem Papst überwarf. Beim Bau des Grabmals für Papst Julius II. nervte ihn die Ungeduld des Auftraggebers, der ihm am Ende verboten hat, die Baustelle zu betreten. 

Horst Bredekamp sagt über den Mann, der auch zu seiner Zeit den Ruf des Unbegreiflichen hatte: "Er ist getrieben worden. Das hat die Zeitgenossen am stärksten beeindruckt. Er hat die rein quantitativen Dimensionen über alles hinausgedacht, was überhaupt nur denkbar war. In allen Gattungen. Also nicht nur Bildhauer, nicht nur Architekt, nicht nur Maler. Und das Allerentscheidende: Er hat nie eine Erwartung erfüllt. Das hat ihm wohl diese Unbegreiflichkeits-Aura zugeschrieben."

Seine Narrenfreiheit machte Gegner sprachlos

Das hat ihm argwöhnische Blicke von Konkurrenten eingebracht, aber auch eine gewisse Narrenfreiheit. Seine Gegner waren einfach sprachlos. "Die Qualität seiner Werke hat die Umwelt dermaßen verblüfft. Das liegt daran, dass er ein Niveau setzte, das alle Kritik einfach beiseitegeschoben hat."

Bredekamp ist eher ein Erzähler, als ein Dozent. Eine blutleere oder gar von Fachbegriffen strotzende akademische Kunstwissenschaft ist bei ihm nicht zu befürchten. Da gleicht er dem Subjekt seiner Begierde, denn auch Michelangelo war besessen vom Handfesten und Körperlichen.

Mehr als eine Biografie: Das Panorama einer Epoche

Die Plastik war seine "Sonne", wie er einmal sagte, die Malerei musste sich mit der Rolle des Mondes begnügen. Kein Wunder, dass dieses Buch mehr ist als eine Biografie; es gleicht dem Panorama einer Epoche. Ins Filmische übertragen hieße das: Das Spannende bei Bredekamp kommt nicht aus der Totalen, sondern aus der Darstellung von Details. Er kann die Hand eines Gefangenen so beschreiben, dass man zu wissen glaubt, was der Mann erlebt hat und was ihm bevorsteht. Die Finger versuchen, einen Gegenstand zu fassen, aber es gelingt ihnen nicht. "Gerade in ihrem Kraftverlust", so lesen wir, "bezeugen sie ihr Innenleben." Diese Hand - so Bredekamp - zähle "zum Eindrucksvollsten, das jemals im Marmor geschaffen worden" sei.

Zwei Verbeugungen bei der Lektüre: Eine vor dem Bildhauer, seiner Kunst, den Marmor zu beseelen, und eine vor den scharfen Augen des Kunstbetrachters. In seiner Bescheidenheit nennt Bredekamp sein Buch einen "Versuch". Er sagt sogar, es sei doch "nur eine Annäherung" und sagt: "Es ist nicht nur eine Floskel, dass man, wenn man so ein Buch vollendet hat, das Gefühl hat, neu beginnen zu können. Es hört niemals auf."

Vollendung bedeutete für Michelangelo den Tod - er starb 1564

Erinnern uns einige unfertige Plastiken von Michelangelo nicht an Werke des 20. Jahrhunderts? Der Reiz des Fragments in der Moderne ist hier vorweggenommen. Vollendung bedeutete für Michelangelo den Tod. 1564 ist der fast Neunzigjährige in Rom gestorben - obwohl er in einer Prophezeiung seine Zweifel daran angemeldet hatte.

"Triumph der Fortuna" heißt ein Orakelbuch über das Glück, in dem Michelangelo auf einem zeitgenössischen Holzschnitt auftaucht. Zu den Werken, die einen Triumph des Bücherglücks ermöglichen, gehört das Panorama von Horst Bredekamp, das in seiner Lust am Erzählen und in seiner Einfühlsamkeit an Skulpturen von Michelangelo erinnert.

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Horst Bredekamp: "Michelangelo" (Cover) © Wagenbach
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Der Renaissance-Künstler Michelangelo - ein opus magnum

Das opus magnum Horst Bredenkamps erinnert in seiner Lust am Erzählen und seiner Einfühlsamkeit an Skulpturen von Michelangelo. 4 Min

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Michelangelo

von Horst Bredekamp
Seitenzahl:
816 Seiten
Genre:
Sachbuch
Zusatzinfo:
Großformat (21x28 cm). Leinen mit Prägung. Mit ca. 900 meist farbigen Abbildungen
Verlag:
Wagenbach
Veröffentlichungsdatum:
19. August
Bestellnummer:
ISBN 978-3-8031-3707-4
Preis:
188 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.09.2021 | 18:00 Uhr

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