Buchcover: Jane Gardam - Mädchen auf den Felsen © Blumenbar Verlag

"Mädchen auf den Felsen": Jane Gardams raffinierter Debütroman

Stand: 26.04.2022 06:00 Uhr

Erst relativ spät hat auch das deutsche Lesepublikum die britische Schriftstellerin Jane Gardam entdeckt. 1978 veröffentlichte sie den Roman mit dem vieldeutigen Titel "God on the Rocks", der nun auch auf Deutsch erschienen ist.

von Annemarie Stoltenberg

Viele Seiten lang passiert in diesem Roman scheinbar nichts, was man nicht bei einer guten Tasse Tee auflösen und besprechen könnte. Aber es braut sich etwas unterhalb des Textes zusammen und überhaupt liest man es weiter, um keines der großartig entfalteten Erzählbilder, der Landschaftsbeschreibungen und Porträts zu versäumen.

Jane Gardams raffinierte Erzähltechnik

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Schon in diesem Debütroman hat Jane Gardam alle Register ihres Könnens gezogen. Sie zeichnet ein Gesellschaftsbild der 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, mit den noch nachwirkenden Grauen des ersten Krieges, undurchdringbaren Klassenschranken und rigiden Religionsvorschriften.

Erzählt wird zuerst die Geschichte einer kleinen Familie. Der Vater ist Prediger, die Mutter hat gerade ihr zweites Baby bekommen, aber die achtjährige Tochter Margaret soll sich nicht zurückgesetzt fühlen. Darum darf sie mit dem Hausmädchen Lydia einmal in der Woche einen Ausflug unternehmen.

"Also wurden Teekuchen gebuttert und in Papier eingeschlagen und Lydia und Margaret nahmen den Zug bis Saltbeach, stiegen dort um in den Bummelzug nach Eastkirk und fuhren langsam und schwankend in einem staubigen Waggon weiter." Leseprobe

Sie fahren durch verschlafene, behagliche Oberschicht-Orte, heißt es hier. Anders als Jane Gardams Trilogie um "Old Filth", wo eine Lady das Geschenk eines Liebhabers, ein Brillantcollier, einfach im Garten vergäbt, spielt diese Geschichte in einfacheren Verhältnissen. Ein Geschwisterpaar der Oberschicht, Binkie und Charles, kommen auch vor, aber sie sind von ihrer Mutter enterbt worden, weil sie als Studenten Sozialisten wurden. Zu dem riesigen Landhaus, das sie hätten erben sollen, gelangen nun per Zufall Lydia und Margaret bei ihrem Spaziergang. Es ist ein Altersheim für Künstler geworden und offenbar ist auch eine psychiatrische Station in dem großen Haus untergebracht. Hier kreuzen sich in der raffinierten Erzähltechnik von Jane Gardam alle Erzählstränge der Geschichte.

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Unaufhaltsame Dramatik

Dazu gehört auch der parkähnliche Garten. Lydia entledigt sich ihres Korsetts und verschwindet mit dem Gärtner im Gebüsch. Die sinnenfrohe Lydia treibt es nicht nur unterwegs, sie verführt dann auch den so ultrastrenggläubigen Vater ihres Schützlings Margaret. Und überhaupt wird alles, was den Menschen so unendlich wichtig erscheint und die ganze Lebensenergie verbraucht, über den Haufen geworfen. Wie so oft ist es erstaunlich, dass ein Leben, nachdem das alles verloren ist, doch weitergeht. Margarets Vater kommt bei dem Versuch, seine Tochter aus einer dramatischen Situation am Strand zu retten, ums Leben. Er war mehr als sonderbar und ein wahrer Haustyrann. Aber für Margaret war er der geliebte Vater:

"Ich war Vaters Wunder", sagte Margaret. "Er war schrecklich - wirklich schrecklich, aber er hatte eine unglaubliche Macht (…) Mutter hat oft geweint - und das Haus hat (…) irgendwie vibriert. Aber er hat mir ein großes Gefühl für Gott hinterlassen. Das ist ein großes Geschenk." Leseprobe

So entwickelt der behaglich begonnene Handlungsverlauf eine unaufhaltsame Dramatik. Erstaunlich lebendig ist das geschrieben und in gewisser Weise absolut zeitlos, auch nach über 40 Jahren: faltenlos.

Mädchen auf den Felsen

von Jane Gardam
Seitenzahl:
222 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Isabel Bogdan
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-27228-6
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.04.2022 | 12:40 Uhr

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