Aufgeschlagenes Buch auf einem Bücherstapel. © picture alliance / VisualEyze | Nikky

Leseempfehlungen: Ukrainisch-russische Geschichte(n)

Stand: 07.03.2022 07:32 Uhr

Was verrät uns die Literatur über das Wesen des Krieges zwischen Ukraine und Russland? Welche Bücher eignen sich gerade jetzt zur Lektüre? Empfehlungen aus unserer Literaturredaktion.

Aufgeschlagenes Buch auf einem Bücherstapel. © picture alliance / VisualEyze | Nikky
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von Alexander Solloch

Der Krieg in der Ukraine macht rat- und hilflos. Tausend Fragen wirft er auf - und lässt vielleicht auch das Bedürfnis entstehen, genauer einzutauchen in russisch-ukrainische Geschichte und Geschichten. Was verrät uns die Literatur über das Wesen dieses Konflikts?

"Das hündische Herz" von Michail Bulgakow

Ein Hund streunt durch die schneeverwehten Straßen von Moskau, zermartert, geschlagen, geschändet. Er jault auf, und es ist das Heulen, das durch alle großen russischen, alle großen ukrainischen Romane der letzten 150 Jahre klingt, ein Heulen von immerwährender Gültigkeit: "Ach Menschen, ach Menschen!". Aber er wird ja selbst einer! "Das hündische Herz" von Michail Bulgakow erzählt von den frühen Versuchen der Sowjetkommunisten, den "neuen Menschen" zu schaffen.

Dem Hund wird die Hirnanhangdrüse eines Kriminellen implantiert, sodass er zum Leiter der "Unterabteilung zur Säuberung der Stadt Moskau von streunenden Tieren bei der Stadtreinigung der Moskauer Kommunalwirtschaft" aufsteigen kann, wie es im Roman heißt. Denn immer muss ja etwas gesäubert werden. "Das hündische Herz" ist wie Bulgakows bekanntester Roman "Der Meister und Margarita" ein so poetisches wie verzweifeltes, böses und trauriges Gelächter über den Menschen und seine ideologische Verstiegenheit. Woran sollen wir zum Beispiel gegenwärtig glauben nach dem Willen Putins? Die Ukraine sei gar nichts Eigenständiges? Da hilft nur Aufklärung!

Ukraine und Russland in und nach der Sowjetunion

In der patriarchalischen Familie war der kleine dem großen Bruder untergeordnet. Wenn er sich gegen die Bevormundung wehrte, sich zu emanzipieren begann und auf seine Eigenständigkeit pochte, reagierte der große Bruder besonders heftig. Zitat aus "Ungleiche Brüder"

Es ist ein Muster, für das der Historiker Andreas Kappeler in seinem lehrreichen Buch "Ungleiche Brüder" zahllose Beispiele anführen kann. Ukrainer und Russen schreiben seit Jahrhunderten eine Geschichte von Anziehung und Abstoßung. Sie gehören zueinander, doch sie sind nicht eins. Beide Völker aber wurden durch den "Fleischwolf" zunächst der Sowjetunion und dann der Postsowjetzeit gedreht. So beschreibt es - in ihrem jüngsten Roman "Im Menschen muss alles herrlich sein" - die Berliner Autorin Sasha Marianna Salzmann, die in Wolgograd zur Welt kam und deren Mutter aus der Ukraine stammt: "Der Zerfall der Sowjetunion ist so abstrakt, dass man gar nicht so richtig weiß, was einen da zerdrückt oder in diesen Fleischwolf reindrückt. Wir alle haben erlebt, was passiert, wenn das, was man als bekannt angenommen hat, nicht mehr stattfindet: Leute werden wahnsinnig", berichtet sie.

Literatur über den Wahnsinn des Krieges

Vom Wahnsinn des Krieges, von den Verheerungen, die er in russischen und ukrainischen Seelen angerichtet hat, erzählen - sehr verschieden, aber jeweils in ihrer Lakonie sehr ergreifend - Katja Petrowskaja und Natascha Wodin. Petrowskaja sucht in ihrem Buch "Vielleicht Esther" nach Spuren der Großmutter, die 1941 im von Deutschen besetzten Kiew allein zurückblieb. Ein Gedanke fliegt ihr zu: "Ich glaube, dass es keine Fremden gibt, wenn es um Opfer geht". Und Natascha Wodin, geboren in Deutschland als Kind russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter, stellt in "Sie kam aus Mariupol" die Geschichte ihrer Mutter in den großen Zusammenhang europäischer Geschichte von Krieg und Kriegstrauma.

Von den Scheußlichkeiten und Schönheiten des Lebens

Alles, was wir in diesen Büchern lesen, reicht hundertfach zu einer Anklage gegen die Gattung Mensch. Michail Schischkin, einer der wichtigsten russischen Gegenwartsautoren, erhebt sie in seinem monumentalen Roman "Die Eroberung von Ismail", Zeugen sind unter anderem Dostojewski und ganz normale Erdulder des ganz normalen Alltags:

Alles nur Knüppel, um einander das Kreuz zu brechen, erst ziehe ein Sohn des Vaterlands einem Freund der Menschheit das Stahlrohr über den Schädel, dann nehme der Freund der Menschheit den Sohn des Vaterlands zur Geisel und erschieße ihn bei laufendem Motor im Hinterhof, und so weiter, ohne Ende, nichts könnte dem eine Grenze setzen. Zitat aus "Die Eroberung von Ismail"

Trost, wenn auch rückwärtsgewandten, findet man reichlich in Vladimir Jabotinskys Roman "Die Fünf", vor 85 Jahren schon erschienen, erst 2012 ins Deutsche übersetzt, eine betörend schöne Ode an Odessa, die brodelnde Vielvölkerstadt am Schwarzen Meer: "Das Leben ist dumm ... aber wunderbar: Böte man mir an, es zu wiederholen - ich würde es wiederholen, haargenau so, wie es war, mit allem Unglück und allen Scheußlichkeiten, wenn ich es nur noch einmal in Odessa beginnen könnte."

Von allen Scheußlichkeiten und Schönheiten des Lebens berichten diese russisch-ukrainischen Geschichten so einnehmend, dass man seufzen möchte: "Ach Menschen, ach Menschen!"

Die Leseempfehlungen in der Übersicht:

  • Alina Bronsky: "Baba Dunjas letzte Liebe"
  • Michail Bulgakow: "Das hündische Herz"
  • Michail Bulgakow: "Meister und Margarita"
  • Fjodor Dostojewski: "Verbrechen und Strafe"
  • Andreas Kappeler: "Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart"
  • Katja Petrowskaja: "Vielleicht Esther"
  • Sasha Marianna Salzmann: "Im Menschen muss alles herrlich sein"
  • Michail Schischkin: "Die Eroberung von Ismail"
  • Hans-Joachim Torke: "Die russischen Zaren"
  • Natascha Wodin: "Sie kam aus Mariupol"
  • Natascha Wodin: "Nastjas Tränen"
  • Vladimir Jabotinksy: "Die Fünf"

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 07.03.2022 | 06:40 Uhr

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