Buchcover: Adelheid Duvanel - Fern von hier © Limmat Verlag

"Fern von hier": Sämtliche Erzählungen von Adelheid Duvanel

Stand: 14.07.2021 08:02 Uhr

25 Jahre nach dem rätselhaften Tod der Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel hat der Limmat-Verlag ihr erzählerisches Gesamtwerk in dem voluminösen Band "Fern von hier" herausgegeben.

Buchcover: Adelheid Duvanel - Fern von hier © Limmat Verlag
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von Alexander Solloch

"Zehn Bücher, die das Leben verändern", schlagzeilte neulich "Die Zeit". "Was, gleich zehn?", dachte da der missgelaunte Kritiker, der vielleicht allenfalls auf drei gekommen wäre. Und überhaupt, warum muss das Leben immer gleich verändert werden? Langt’s nicht auch mal hin, wenn es bloß ein bisschen schöner wird?

Menschen am Abgrund

Dann aber machte der Kritiker Bekanntschaft mit einem Werk, von dem er nie zuvor gehört hatte, und ein Riss tat sich auf. Dieser teilte sein Leben in die allzu langen Jahre vor dieser Begegnung und die herrlichen Jahrzehnte, die jetzt noch folgen werden; Jahrzehnte voller verstörender, durchschüttelnder, sonderbar-besonderer Worte von Adelheid Duvanel:

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Über Nacht ist die Welt reif geworden; ein zarter, weißer Schimmel ist auf ihr gewachsen - Frühlingsschnee. Auf den Dächern gibt’s keine Spuren von Füßen oder Rädern; dort oben ist die Welt jenseits der Angst. Hier unten zählen Menschen ihre Schritte, passen Stimmen sich den Stimmen an; es gibt aber Menschen, die sich nicht an das Hiersein gewöhnen können.

Allein und verlassen sind die Menschen, von denen Adelheid Duvanel erzählt. Oft handelt es sich um verstoßene Kinder in Erziehungsheimen, "Verwirrte" in psychiatrischer Behandlung, Hinterbliebene von Selbstmördern: Menschen am Abgrund. Die Miniaturen jedoch, in die Duvanel diese Schicksale packt - zweieinhalb Seiten lang in der Regel, die ausschweifenden vielleicht eine Seite länger -, diese Miniaturen haben nichts Unheilvolles, sie klingen nicht nach Leid, nicht nach Elend. Die Autorin schafft bewundernswerterweise das genaue Gegenteil: Zwar umflort Düsternis diese Geschichten, aber die Figuren, die sie bevölkern, sind nicht verloren. Bei allem, was ihnen zugestoßen ist, haben sie immer noch ihre Würde und die Kraft ihrer Gedanken. Die nimmt ihnen keiner.

Traumbilder aus Klang, Rhythmus und Melodie

Ihre Wangen wurden rot, ihre Augen glänzten; wenn sie "spintisierte", wie ihr Vater es nannte, fühlte sie sich frei, als wäre die Welt durchsichtig, als würden Vergangenheit und Zukunft zu wunderbaren, klaren Bildern verschmelzen, die in Eiern darauf warteten, dass ein freier Mensch sie erlöse; mit einem Stab in der Hand würde sie durch ein weißes Eierland schreiten und die Eier, die vor Verlangen, geöffnet zu werden, zu glühen begannen, erlösen; ein Bild nach dem andern würde ihr Stab hervorholen, hervorzaubern und auf den Eierschalen tanzen lassen. Auch der Vater träte aus einem Ei und würde auf seinen steifen Beinen umherhopsen.

Sind das also Traumerzählungen? Dieser Gedanke liegt so nahe, dass man ihn ganz schnell wieder als allzu banal verwerfen möchte. Aber hier stimmt er doch, man kann das geradezu physiologisch beweisen. Man liest eine Geschichte und ist hinterher außerstande, ihren Inhalt wiederzugeben; je dringlicher man sich an den Einzelheiten festhalten möchten, desto unnachgiebiger verflüchtigen sie sich, wie Traumbilder. Was bleibt, sind Klang, Rhythmus und Melodie.

Warum kann dieses Buch das Leben verändern? Weil es zeigt, dass wir uns nie an etwaige Langeweile und Konventionalität erzählender Literatur gewöhnen sollen. Es gibt sie ja, die paar wenigen Zauberwerke, die uns in ein erregendes Rätselspiel verwickeln und nie wieder loslassen. Dies ist so ein Lebensbuch.

Fern von hier

von Adelheid Duvanel
Seitenzahl:
794 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Elsbeth Dangel-Pelloquin
Verlag:
Limmat
Bestellnummer:
978-3-03926-013-3
Preis:
39,00 €

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