Stand: 24.07.2018 15:41 Uhr

Eine verkorkste Kindheit

Fehlversuche: Kein Kinderbuch
von Elke Heinemann
Vorgestellt von Joachim Dicks
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"Fehlversuche: Kein Kinderbuch" von Elke Heinemann erzählt von einer Kindheit mit einer alkoholkranken Mutter.

Im Werk der Schriftstellerin und Feature-Autorin Elke Heinemann spielen Künstler-Porträts eine zentrale Rolle - wie etwa in ihrem Feature "Ezra Pound reloaded - Was vom Dichter übrig bleibt" oder der "Helmut-Heißbüttel-Homestory". In ihrem jüngsten Buch mit dem Titel "Fehlversuche. Kein Kinderbuch" erzählt sie die Geschichte eines jungen Mädchens, das unter sehr bedrohlichen Verhältnissen aufwächst. Schon der erste Satz des Buches endet mit einem Fragezeichen.

"Warum nicht mit dem Ort beginnen? So, als gäbe es eine Einheit des Ortes in dieser Geschichte, aber wenn die Seele, wie es heißt, Prügel bezogen hat, weiß man nicht, wo oben ist, wo unten, es ist wie in einem Traum, es ist wie nach einem Erdbeben, und doch muss diese Geschichte wie jede Geschichte an einem Ort beginnen, und so beginnt sie in einem Geburtszimmer, ganz einfach." Leseprobe

Stimme einer verletzten Kinderseele

Auch wenn die Erzählerin über ihre Protagonistin, die kleine Elisa, in dritter Person schreibt, so scheint sie doch mit ihr identisch zu sein, da ihre Sprache sich tastend bemüht, der verletzten Kinderseele eine Stimme zu geben. Denn Lisas Mutter ist alkoholabhängig. Ihr liebster Freund heißt Jägermeister.

"Lallen kann die Mutter noch in dieser Nacht, sprechen kann sie kaum mehr, selbst in der eigenen Muttersprache trägt sie nur noch grammatikalisch Unvollständiges vor, Sprachfragmente, monologisch geäußert, exklamatorisch zum Teil, auch imperativ gerichtet an eine Person, die Elisa hier & jetzt nicht sehen kann wie den Vati beispielsweise, die Mutter spricht von einem Schein, einem Wein oder einem Schwein, man kann sie nicht genau verstehen, zumal sie nun mit einem Schmerzensruf zu Boden geht, Glas zersplittert, Elisa tanzt stumm mit dem Jägermeister zur Habanera auf den Scherben, eine kleine Seejungfrau, die ihre Stimme eingetauscht hat gegen eine Seele, die geliebt werden möchte, aber leider nicht geliebt wird." Leseprobe

Der oft leichtfertig dahingesagte Satz "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit" bekommt durch die Lektüre von Elke Heinemanns neuem Roman gleich mehrere Fragezeichen.

Schonungslos, in messerscharfer Sprache

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Elke Heinemanns Buch "Fehlversuche. Kein Kinderbuch" erzählt die Geschichte einer Sechsjährigen, deren Mutter alkoholabhängig ist.

Mit ihrer schonungslosen, rhythmisch hämmernden, messerscharfen Sprache zerrt die Autorin ihre Leser an den Rand eines Abgrunds. Mit solchen Kratzern auf dem Herzen muss der Weg zu einem glücklichen Leben verrammelt sein wie der Himmel der Hölle. Im Hintergrund läuft immer der Fernseher und versetzt uns ins Ruhrgebiet der spröden 60er-, 70er-Jahre. Während Ilja Richter und Rudi Carell oder manchmal auch Maria Callas die Fernsehzuschauer unterhalten, träumt Elisa von einem besseren Leben.

"Vielleicht geht die Geschichte auf eine andere, bessere Weise weiter, vielleicht nimmt die Mutter Elisa mit in eine andere, bessere Welt, vielleicht nach Italien ans Meer, vom Revier an die Riviera! Aber Elisa glaubt nicht an einen anderen, besseren Ausgang der Geschichte, sie starrt verdrossen den Marillenlikör an und dessen Saufkumpanen, den Eierlikör, der Jägermeister versperrt wie immer den Eingang zum Mutterbunker - aber sieh! Öffnet sich nicht da ein Seitentürchen in diesem Augenblick, in dem sich die Mutter an das Kind schmiegt, in dem die Mutter das Kind im Habanera-Takt wiegt, in dem die Mutter dem Kind ein Schlückchen Eierlikör gibt?" Leseprobe

Vom Weg aus der Ausweglosigkeit

Die Kraft der Literatur besteht auch darin, Menschen in Elend und Ausweglosigkeit eine Sprache zu geben. Sie kann Leid vielleicht nicht lindern. Vielleicht aber doch. Auch davon erzählt dieses Buch. Am Ende steht Elisa, inzwischen längst eine erwachsene Frau, am Totenbett ihrer Mutter. Da vollzieht sich in ihr eine wundersame Verwandlung. Mehr wird nicht verraten. Aber Leser wissen dann, dass der beschwerliche Lektüreweg sich mehr als gelohnt hat.

Fehlversuche: Kein Kinderbuch

von
Seitenzahl:
118 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Edition Taberna Kritika
Bestellnummer:
978-3-552-05901-6
Preis:
16,00 €

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