Buchcover: Doris Knecht - Die Nachricht © Hanser Verlag

"Die Nachricht": Doris Knecht über digitale Gewalt

Stand: 06.08.2021 13:41 Uhr

Doris Knecht seziert mit Vorliebe menschliche Schieflagen. Ihr neues Buch "Die Nachricht" ist ein Roman über Geheimnisse in Familien, Frauenverachtung und mysteriöse Nachrichten, die alles ins Wanken bringen.

Buchcover: Doris Knecht - Die Nachricht © Hanser Verlag
Beitrag anhören 5 Min

von Claudia Cosmo

Die im österreichischen Vorarlberg geborene Autorin, Journalistin und Kolumnistin Doris Knecht schreibt seit 2011 Romane. Ihr Debüt "Gruber geht" wurde auch für das Kino adaptiert. Zuletzt wurden die Romane "Alles über Beziehungen" und "weg" veröffentlicht.

"Die erste Nachricht kam an einem Sonntag im September. Ich saß auf der Bank im Schatten hinter dem Haus und ich ahnte nicht, dass das der Moment war, in dem sich meine Verhältnisse verschoben." Leseprobe

Ruth ist Witwe. Nachdem ihr Mann Ludwig plötzlich bei einem Unfall verstarb, sitzt die Drehbuchautorin und Fernsehmoderatorin alleine im selbst gebauten Holzhaus in einer nunmehr angesagten ländlichen Gegend. Von protzigen Neubauten umgeben versucht Ruth, ihr Leben neu zu ordnen. Denn kurz nach seinem Tod erfuhr sie, dass ihr Mann eine Affäre hatte.

Anonyme Nachrichten sorgen für Verunsicherung

Und jetzt auch noch diese anonymen Nachrichten, in denen nicht nur Ludwigs Affäre, sondern sämtliche privaten Details aus Ruths Leben auf die übelste Art und Weise beschrieben werden. Die Nachrichten tauchen immer wieder auf. Auch Ruths Kinder und Freunde erhalten die digitalen Beschimpfungen, die Ruth angreifen und mürbe machen sollen. Doris Knechts erzählende Hauptfigur ist eine, wie es im Roman heißt, "irreparabel Zerkratzte", die zur Angriffsfläche wird.

"Es fordert Leute heraus, wenn sie deine Stärke spüren und deine Unabhängigkeit, und manche von ihnen wollen dir das dann wegnehmen. Sie wollen dir zeigen, dass du gar nicht so stark bist und so unabhängig, wie du glaubst. Und sie beginnen ein Kräftemessen, ihre Kraft gegen deine, ohne dass du es merkst, und dann merkst du es." Leseprobe

Die anonymen Nachrichten fungieren im Roman nicht nur als tatsächliche Bedrohung und Diffamierung, die auch Ruths berufliches Umfeld irritieren. Sie symbolisieren Haltungen, Meinungen und Vorverurteilungen, die man Frauen wie Ruth entgegenbringt. Doris Knecht hat ihre Hauptfigur als unkonventionell und unangepasst angelegt. Ruth geht lieber arbeiten als Hausfrau zu sein, raucht und trinkt gerne, mal verschanzt sie sich tagelang und schreckt auch vor komplexen Patchworkfamilienkonstellationen nicht zurück.

Doris Knecht skizziert die Mechanismen einer gesellschaftlichen Ausgrenzung, in der das Opfer zur Irren gemacht wird. Und das aus reiner Bequemlichkeit heraus. Ruth sei laut ihrer Freunde schließlich selbst Schuld, wenn sie sich als Freundin, Nachbarin, Mutter und auch als Witwe nicht erwartungsgemäß verhalte.

"Ich war nicht froh, dass Ludwig tot war, natürlich nicht, ich merkte nur, dass ich damit leben konnte. Ich sagte es niemandem. Wenn man allein war, war man permanent gezwungen, Auskunft über die eigene Befindlichkeit zu geben. Ständig wurde man, vor allem, wenn man eine Frau war, gefragt, ob man sich nicht isoliert fühle, so ganz allein." Leseprobe

Doris Knecht durchleutet Zwischenräume menschlicher Beziehungen

Kein Wunder, dass alle um Ruth herum aufatmen, als Simon in ihr Leben tritt, mit dem sie eine On/Off- Beziehung startet. Denn der erfolgreiche Uni-Professor entzieht sich ihr regelmäßig. In der Zeit der Funkstille häufen sich die anonymen Nachrichten wieder. Ruth glaubt in der ehemaligen Geliebten ihres Mannes und danach auch in Simon die möglichen Verfasser der Nachrichten gefunden zu haben. Worauf Ruths Zurechnungsfähigkeit infrage gestellt wird: "Und ich fragte mich, ob auch andere zweifelten, vielleicht schon länger, Johanna, Iris, Wanda, Wolf."

Die Schriftstellerin Doris Knecht leuchtet in ihrem spannend erzählten Roman "Die Nachricht" in die Zwischenräume menschlicher Beziehungen hinein. Sie beschreibt mit eindringlicher Leichtigkeit, was mit Menschen passiert, die es sich erlauben, "aus dem Ruder zu laufen", auch weil sie ihr Leben gegen den Strich gebürstet gestalten möchten. Und ganz beiläufig verhandelt Doris Knecht auch wichtige literarische Fragen, die über ihr Selbstverständnis als Schriftstellerin Auskunft geben.

Die Nachricht

von Doris Knecht
Seitenzahl:
265 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Verlag
Veröffentlichungsdatum:
26. Juli 2021
Bestellnummer:
978-3-446-27103-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.08.2021 | 12:40 Uhr

Segelurlaub auf dem Mittelmeer. Bei Windstille und Sonnenschein entspannt sich eine junge Frau in der Hängematte am Bug und liest ein Buch. © Marcus Gloger Foto: Marcus Gloger

Sommer, Sonne, Schmöker: Bücher für den Sommer

Sie suchen eine Leseempfehlung für den Sommer? Lassen Sie sich hier inspirieren für die schönste Zeit des Jahres. mehr

Viele Stapel Bücher auf Tischen und in Regalen einer Buchhandlung. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild Foto: Jan Woitas

Die interessantesten literarischen Neuerscheinungen 2021

Neue Romane von Edgar Rai, Eva Menasse und Henning Ahrens sowie eine ganz persönliche Inselgeschichte von Isabel Bogdan. mehr

Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz sitzen auf den Stufen zur Alster © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Das Gemischte Doppel empfiehlt Bücher für den Sommer(urlaub)

Viele neue Buchtipps. Mit dabei: Neues von Sebastian Barry, Maarten t’Hart, und Leïla Slimani und ein Buch über Paare am Pool. mehr

Mehr Kultur

Die Trophäe des Deutschen Fernsehpreises. © dpa Foto: Henning Kaiser

Deutscher Fernsehpreis: Open-Air-Gala für Preisverleihung in Köln

In acht der insgesamt 30 Kategorien sind NDR Produktionen nominiert - unter anderem die Mini-Serien "Die Toten von Marnow" und "Das Geheimnis des Totenwaldes". mehr