Buchcover: Wole Soyinka - Die glücklichsten Menschen der Welt © Blessing Verlag

"Die glücklichsten Menschen der Welt": Roman von Wole Soyinka

Stand: 21.04.2022 14:41 Uhr

Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka hat einen neuen Roman veröffentlicht. Im englischsprachigen Raum wurde das Buch bereits als sein Meisterwerk gefeiert. Nun liegt der Roman auf Deutsch vor.

Buchcover: Wole Soyinka - Die glücklichsten Menschen der Welt © Blessing Verlag
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von Jan Ehlert

Schon als Wole Soyinka ein Kind war, war ihm die Nähe zwischen Gott und den Mächtigen verdächtig. Warum, so fragt er zu Beginn seiner Kindheitserinnerungen "Aké", befindet sich der Pferdestall des Führers seines Volkes auf dem Berg Itokos, also dort, wo Gott wohnt, während das ärmliche Pfarrhaus am Fuße des Berges bleiben musste. In seinem neuen Roman hat sich die Perspektive nun umgekehrt: Das Pfarrhaus - und mit ihm der selbst ernannte Prophet Papa Davina - ist auf der Spitze des Berges angekommen. Doch der Weg dahin war alles andere als schön:

"Müll. Berge von Abfall. Genau wie auf der anderen Seite - es war ein Weg voller Hindernisse, über den ich hier hinauf geklettert bin. Nichts als der gestapelte Kehricht der Stadt." Davina schien zufrieden. "Ja, ein Dunghaufen. Über ihn bist du hier heraufgekommen. Doch jetzt bist du hier. Und würdest du sagen, dass du auf einem Misthaufen stehst?" Leseprobe

 

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Müllberge moralischer Deformation

Nein, so lautet die klare Antwort. Denn Perspektive, so Davina, ist alles. Dass der schöne Schein seines heiligen Imperiums auf moderndem Müll gebaut ist, blendet er aus. Skrupel kann und will er sich nicht leisten. Genauso wie sein politischer Gegenpart, Sir Goddy, der Regierungschef dieses fiktiven Nigerias, in dem Soyinkas Roman spielt. Auch er ist allein am Machterhalt interessiert, während die Gewalt unter seinen Landsleuten zunehmend eskaliert. Sinnlose Morde, brutale Verstümmelungen, ein blühender Organhandel - unter dem schönen Schein der Zivilisation verbergen sich ungeahnte Müllberge moralischer Deformation:

"Das hier betrifft etwas, das beim Namen zu nennen ich lieber vermeiden würde, aber ich kann dem Wort hier nicht ausweichen - das hier betrifft die Seele. Es ist eine Herausforderung der kollektiven Vorstellung von dem, was man Seele nennt. Irgendetwas ist zerbrochen. Jenseits von Ethnie, Hautfarbe oder Geschichte. Irgendetwas hat einen Riss bekommen und kann nicht wieder zusammengefügt werden." Leseprobe

Grausam, zynisch, hoffnungslos - und doch: großartig

Sämtliche Triggerwarnungen seien hier daher ausgesprochen: "Die glücklichsten Menschen der Welt" ist kein schönes Buch. Es ist grausam, zynisch, hoffnungslos - und doch: großartig. Das liegt an Soyinkas satirischem Ton, in dem er die Schwächen der Mächtigen pointiert hervorstellt. An der fantasievollen, farbenprächtigen Erzählkunst, mit der er noch in der tiefsten Traurigkeit unterhaltsame Anekdoten platziert. Aber eben auch an der erschütternden Gnadenlosigkeit, mit der Soyinka aufzeigt, wie sehr die Idee eines zivilisierten Nigeria gescheitert ist. Der Machtmissbrauch afrikanischer Diktatoren war schon immer Soyinkas Thema. In seinem Theaterstück "A Play of Giants" hat er den Ugander Idi Amin attackiert, in seiner "Opera Wonyosi" den zentralafrikanischen Kaiser Bokassa. Nun aber wendet er sich dem Volk zu. Und auch hier fällt sein Urteil vernichtend aus. Nur vier Freunde und ihre Familien, darunter der Arzt Dr. Menka, versuchen, auch in diesem korrupten System korrekt zu bleiben. Doch auch sie sind zum Scheitern bestimmt:

Inzwischen waren die vier längst ihrer unterschiedlichen Wege gegangen, verfolgt von oder konfrontiert mit den Zumutungen - und Wahlmöglichkeiten - des schieren Überlebens, die sich täglich, stündlich weiter blähten. Und jetzt, mit siebenundfünfzig Jahren und allgemein gefeiert, fand sich Menka im gefährlichsten Vortex des Wandels, sah er sich einer unbestimmten Zukunft gegenüber. Leseprobe

Eine unbestimmte Zukunft, vor der auch viele Staaten des afrikanischen Kontinents stehen - woran, daran lässt Soyinka keinen Zweifel, auch Europa eine Mitschuld trägt. Es müsse von allen Freunden des Friedens eine Entscheidung gefällt werden, mahnte Soyinka bereits in seiner Rede bei der Verleihung des Literaturnobelpreises 1986: Entweder diesen Staaten in die moderne Welt zu verhelfen, zu einem rationalen Dasein im Geiste der menschlichen Partnerschaft - oder sie verächtlich in die Knie zu zwingen. Jetzt, 35 Jahre später, scheint die Entscheidung gefallen zu sein. Und Soyinkas Roman ist der erschütternde Blick darauf, was diese Entscheidung für Konsequenzen hat.

Die glücklichsten Menschen der Welt

von Wole Soyinka
Seitenzahl:
656 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Amerikanischen von Inge Uffelmann
Verlag:
Blessing
Bestellnummer:
978-3-89667-728-0
Preis:
24 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.04.2022 | 12:40 Uhr

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