Buchcover: Heinrich Steinfest - Der betrunkene Berg © Piper Verlag

"Der betrunkene Berg": Tiefgründiger Roman von Heinrich Steinfest

Stand: 30.08.2022 06:00 Uhr

Mit "Der betrunkene Berg" ist Heinrich Steinfest ein Roman mit raffiniert gesetzten Widerhaken geglückt, der klüger macht, als man vor der Lektüre war.

von Annemarie Stoltenberg

Der 1961 geborene Schriftsteller Heinrich Steinfest ist berühmt dafür, dass er in seinen Romanen Reales und Irreales in kunstvoller Weise miteinander verschränkt. In seinem neuen Buch "Der betrunkene Berg" ist der Ort der Handlung schon ein wenig aus unserem normalen Alltag herausgehoben: eine Buchhandlung in den Bergen auf 1.700 Metern Höhe.

Ein rätselhafter Gast mit Gedächtnisverlust

Es ist die Zeit außerhalb der Saison. Touristen kommen im Spätherbst nicht und so hat die Buchhändlerin Katharina ihren Laden, der eine ansonsten treue Kundschaft hat, für ein paar Wochen geschlossen. 

Katharina war einfach ein großartiger Buchladen in großartiger Höhe gelungen. Wobei zu ihrer Kundschaft auch Leute zählten, die es üblicherweise vermieden, irgendwelche Berge hochzusteigen oder wilde Naturen seilbahnmäßig zu erobern. Und doch … sie taten es allein, um diesen kleinen Laden aufzusuchen. Leseprobe

Die freie Zeit will Katharina für Touren nutzen. Mit Skiern steigt sie auf einen Gipfel und oben am Gipfelkreuz findet sie einen Mann auf dem Gestein liegend. Er will nicht, dass sie die Bergrettung ruft, er will dort sterben. Also nimmt Katharina ihn mit in ihre Buchhandlung und päppelt ihn wieder auf. Er leidet unter Gedächtnisverlust. Aber offenbar war er Bildhauer und so beginnt er direkt vor der Hütte an einer Schneeskulptur zu arbeiten.

Während Robert noch am Gefieder arbeitete, das er mit einem Eiskratzer in den festgeklopften Schnee fräste, fiel sein Blick hoch zu dem Berg, an dessen Fuß er sich befand und der ebenfalls von dichtem Nebel eingehüllt war. Allerdings strahlte der von der aufgehenden Sonne in orangefarbenes Licht getauchte Gipfel durch den milchigen Dampf hindurch. Es sah so aus, als sei der Gipfel völlig losgelöst von seinem Untergrund. Frei schwebend. Frei schwebend und … etwas schwankend …. Der betrunkene Berg.  Leseprobe

"Der betrunkene Berg" - Was hat es damit auf sich?

Die Skulptur heißt also wie der Roman "Der betrunkene Berg". Das hat etwas Visionäres, dahinter verbirgt sich mehr, denn der Berg beginnt tatsächlich zu schwanken, er ist in Bewegung. Eine weitere Person kommt nach oben zur Hütte. Es ist die Lawinenspezialistin Linda, mit ihrem Labor im Rucksack, die untersuchen soll, was mit dem Berg los ist und ob Gefahr droht.

Alle drei in der Hütte haben mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen, mit Schuld, die sie auf sich geladen haben oder Erlebnissen, mit denen sie nicht fertig werden. Sie suchen nach Heilung, die bei Robert auf einem guten Weg zu sein scheint, bei aller Schwere, die noch auf ihn zukommen wird.

Immer wieder werden die Gespräche der drei Menschen inspiriert durch die Bücher, die hier so reich in den Regalen stehen. Heinrich Steinfest ist ein Roman mit raffiniert gesetzten Widerhaken geglückt, der klüger macht, als man vor der Lektüre war.

Der betrunkene Berg

von Heinrich Steinfest
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-07013-3
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.08.2022 | 12:40 Uhr

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Romane

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