Cover des Buches Couchsurfing in Saudi-Arabien von Stephan Orth © Malik Verlag

Stephan Orths Buch "Couchsurfing in Saudi-Arabien"

Stand: 18.02.2021 11:00 Uhr

"Couchsurfing in Saudi-Arabien: Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft" ist ein kritischer und dennoch begeisterter Bericht über herzliche Gastgeber und Kamele des Hamburgers Stephan Orth.

von Danny Marques Marcalo

Wissen sie noch was das ist? Urlaub? Reisen? Mal wieder Mallorca, oder der bayrische Wald - oder Saudi-Arabien? Das Land ist eher für sein Öl, für Mekka und auch für Menschenrechtsverletzungen bekannt. Aber vor Corona hat es erstmals Touristen zugelassen. Und Journalist Stephan Orth aus Eimsbüttel - der zuvor bereits Bücher über China, Russland und den Iran geschrieben hat - ist direkt hingefahren. Nicht in Hotels, sondern auf die Sofas der Saudis.

Kleine Kamelkunde. Ein Höcker: Dromedar. Zwei Höcker: Kamel. Dabei sind alle Dromedare auch immer Kamele, so wie ein Rubin ein Stein ist oder ein Audi A6 ein Auto. Einhöckrige Kamele heißen Dromedar, zweihöckrige Kamele Trampeltier. Leseprobe

Quer durch sein wunderbares Buch streut Stephan Orth diese Kamelkunden. Ohne zu übertreiben kann man sagen, dass er sich in Saudi-Arabien ein bisschen in die Tiere verliebt hat. "Die können 120 Kilometer am Stück laufen, die können tagelang ohne Wasser und Essen auskommen und Sportleistungen vollbringen. Gleichzeitig sagen sie, heute habe ich kein Bock, heute bin ich lässiger. Sehr fotogen sind sie auch noch. Sie können in der einen Sekunde etwas Weises ausstrahlen und in der nächsten Sekunde was Albernes, Trotteliges", erzählt Stephan Orth.

Couchsurfing-Bücher von Stefan Orth über China und Russland

Selbstverständlich ist Orth nicht wegen der Kamele nach Saudi-Arabien gefahren. Reisen durch ungewöhnliche Länder ist sein Ding, er war schon in China, in Russland und im Iran und darüber auch Couchsurfing-Bücher geschrieben. Er schläft lieber privat bei jemandem auf dem Sofa, als im Hotel, weil er nicht den Zimmerservice eines Landes kennenlernen will, sondern die Menschen. Genossen hat er die Momente, wenn die Menschen sich öffneten: "Wenn man sich etwas näher kennenlernte, wenn man ins Gespräch kam und das Gefühl hatte, da entwickelt sich so eine freundschaftliche Ebene. Das ging sehr gut, so lange man nicht über Politik sprach", berichtet Orth.

Kritische Fragen zu Menschenrechten unerwünscht

Denn Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Kritik am Königshaus gibt es offiziell nicht. Wenn Orth Fragen stellt, die über Small Talk hinaus gehen, dann stößt er schnell an Grenzen. Die Gesellschaft ist streng organisiert. Ausländer haben weniger Rechte, als Einheimische. Männer bestimmen alles. "Natürlich sind diese Menschenrechts-Themen immer mit im Kopf", sagt Orth. "Obwohl man doch ein sehr freundliches Land erlebt. Aber es klingt zwischendurch immer wieder an. Zum Beispiel die Isolation von Mann und Frau: Nur ein einziger Gastgeber hat mir seine Frau vorgestellt, das ist sehr unüblich, sogar sehr enge Freunde kennen oft die Frau des anderen nur in ganz verschleierter Variante."

Orth erlebt Saudis als herzliche Gastgeber

Das Buch ist aber keine Anklageschrift geworden. Die Menschen, die Stephan Orth beschreibt, sind herzlich und offen. Immer mit dem Handy in der Hand, immer auf den sozialen Netzwerken unterwegs. Mit schrägen Vorstellungen von Deutschland. "Kennst du Hitler? Magst du ihn?", wird er immer wieder gefragt und muss seinen Gastgebern dann doch kurze historische Einordnungen geben. Stephan Orth reist mit der Bahn, dem Bus, dem Flugzeug durch das Land. Er schreibt von Stränden, Wüsten, in denen es schneit und alten und neuen Städten. Das macht Lust, ohne dass es einfach ein platter Reiseführer wäre. Eine Reiseempfehlung spricht Stephan Orth mit Einschränkungen aus: "Wenn es eine Reise ist zu den Menschen - und nicht eine Reise ins Fünf-Sterne Hotel, mit Pool und Luxus. Das fände ich falsch in so einer Diktatur, wo die Menschenrechtslage im Argen ist. Es ist in keinem Land verkehrt zu reisen, wenn man den Kontakt zu den Menschen sucht", findet Orth.

Wegen Corona hat das Land nun alle Öffnungen für Touristen wieder auf Eis gelegt. Aber auch das wird wieder ein Ende haben und laut Stephan Orth ist das Land definitiv eine Reise wert. Wegen der Menschen - und der Kamele.

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Couchsurfing in Saudi-Arabien: Meine Reise durch ein Land zwischen Mittelalter und Zukunft

von Stephan Orth
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Malik Verlag
Bestellnummer:
978-3-89029-570-1
Preis:
18 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 18.02.2021 | 19:00 Uhr

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