Cover des Buchs Verbrechen in Hamburg © Verlag Elsengold

Buchtipp: Historische Kriminalfälle zum Gruseln

Stand: 11.11.2020 14:01 Uhr

Die Krimi-Ecke in Buchhandlungen ist immer gut besucht. Einen Boom erleben aber seit einiger Zeit sogenannte "True Crime"-Formate  - also Podcasts, Filme oder Bücher, die über wahre Verbrechen berichten.

von Annette Matz

Das neue Buch "Verbrechen in Hamburg" beschäftigt sich mit Mord und Totschlag: Es geht um echte Verbrechen, die vielleicht vor der eigenen Hamburger Haustür passiert sind  - in den Jahren 1870 bis 1970.

Ungelöst seit 145 Jahren: der Mordfall Thromählen

Im April 1875 wird der erst 33-jährige Friedrich Theodor Thormählen tot in seinem Bett aufgefunden. Zwei Monate später sucht seine Witwe Anna "aus freien Stücken" einen Untersuchungsrichter auf "und gesteht, ihren Mann vergiftet zu haben". Niemand hatte sie verdächtigt. Der Fall endet mit einem Freispruch und beschäftigt noch heute, rund 145 Jahre später, Juristen, Kriminalpsychologen und Freizeitgruselfans: "Dieser Fall war vor ein paar Jahren im Hamburg Dungeon eine Darstellung wert. Da hatten sie eine temporäre Schau, die sich mit dieser Anna Thormählen, einer Apothekerstochter, beschäftigt", berichtet Beatrix Gehlhoff.

Autorin Gehlhoff  ist eine leidenschaftliche Krimileserin - insofern habe sie sowieso ständig mit Verbrechen zu tun, sagt sie. "Es ist unheimlich interessant zu sehen, wie das damals aufgezeichnet wurde, was für Einzelheiten verzeichnet wurden, wie das angegangen wurde, was für Mittel zur Verfügung standen."

Ein Jahr Recherche im Staatsarchiv

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Frauenmörder Fritz Honka vor Gericht (1976) © NDR Foto: NDR
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"Honka wegen Mordes und Totschlags verurteilt"

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Für ihr Buch hat sich die Hamburgerin zusammen mit ihrem Autorenkollegen Ernst Christian Schütt ins Staatsarchiv begeben und dort Prozessakten und Polizeiprotokolle gewälzt. Ein Jahr lang hat es gedauert, bis die 32 Kriminalfälle für das Buch zusammengestellt waren. Vorher wurden viele alte Aufzeichnungen gesichtet. "Die Akten von vor 100 Jahren. Manche sind auseinander gefallen, wenn man sie nur angeguckt hat", erzählt Gehlhoff über ihre Recherchen.

Erschütternder Fall einer Kindesmörderin

Erstaunt und erschüttert sei sie manchmal gewesen, was damals alles möglich war. Zum Beispiel im Fall einer Kindesmörderin, die per Zeitungsanzeige anbot, Säuglinge von ledigen Müttern in ihre Obhut zu nehmen. "Die sind dann spurlos verschwunden. Sie hat sich dann immer irgendwelche Geschichten ausgedacht, dass sie nach England, in die USA nach Wien oder sonst wohin weiter vermittelt worden seien, und es da jetzt gut hätte", weiß Gehlhoff. "Und es konnte ihr auch nicht wirklich nachgewiesen werden, dass sie die Kinder getötet hat. Aber die sind halt spurlos verschwunden."

Historische Fälle wie Krimis aufbereitet

Die historischen Fälle sind fast wie Krimis geschrieben. Über den Axtmörder von Altona heißt es zum Beispiel:

Am Sonnabend, den 10. November 1906, verlässt Dr. Claussen seine Praxis in der Königstraße (...) und setzt sich in den Zug nach Blankenese.  Leseprobe

"Bei der Ankunft liegt er blutüberströmt am Boden des Eisenbahncoupes. Als dem Kontrolleur ein junger Mann, gerade 17, mit blutbespritzten Händen entgegenkommt, glaubt (er) ihm die Erklärung, er habe heftiges Nasenbluten, und lässt ihn passieren." Buchzitat

Zwischen den Krimigeschichten gibt es kurze zeitgeschichtliche Einordnungen. Das Buch ist auch eine Zeitreise in das historische Hamburg zwischen Kaiserreich, Nachkriegszeit bis in die 1960er-Jahre. In denen übrigens der Bankraub geradezu in Mode gekommen zu sein schien und es Deutschlands erster Bankräuberin gab. In der Hamburger Volksbank an der Elbgaustraße schlägt die "Banklady" zum 1965 ersten Mal zu.  Mit "Sonnenbrille, Kopftuch, Perücke und Maschinenpistole" erbeutet Gisela Werler 3.095 Mark. 

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Das Buch ist für alle geschrieben, die sich für Hamburger Geschichte interessieren, sagt Beatrix Gehlhoff, und sich vielleicht schaurig gruseln, wenn sie erfahren, das ihrem Hinterhof in der Osterstraße vor 100 Jahren einmal ein Verbrechen geschah.   

Verbrechen in Hamburg. Historische Kriminalfälle 1870 - 1970

von Beatrix Gehlhoff, Ernst Christian Schütt
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Elsengold Verlag
Bestellnummer:
978-3-96201-060-7
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 11.11.2020 | 19:00 Uhr

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