Stand: 27.03.2018 11:08 Uhr

Depardieu-Zeichner Sapin muss auf Zack sein

Gérard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu
von Mathieu Sapin
Vorgestellt von Mathias Heller

Gérard Depardieu ist Frankreichs geliebter und gehasster Ausnahmeschauspieler Nummer eins. Keiner polarisiert wie er. Ob es um die angebliche Steuerflucht nach Belgien oder seine russische Staatsbürgerschaft geht: Kalt lässt Depardieu keinen. In diesem Jahr wird er 70 Jahre alt. Der Zeichner Mathieu Sapin hat ihn in den vergangenen Jahren immer wieder begleitet und daraus einen Comic gemacht: "Gérard - Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu" ist nun auch auf Deutsch erschienen.

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"Gérard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu" ist im Reprodukt Verlag erschienen und kostet 24 Euro.

"Ich bin Gérard Depardieu. Ich bin Weltbürger und Bonvivant. Ich esse gern, lache gern und staune gern." So beschreibt sich Gérard Depardieu selbst. Beim Zeichner und Autor des Comics, Mathieu Sapin, klingt das deutlich krasser: "Depardieu ist in gewisser Weise hyperaktiv. Hyperaktiv auch in seinen Überlegungen, seinem Denken und wenn er spricht. Wenn er mit Ihnen spricht, müssen Sie ganz schön auf Zack sein. Sie müssen nachvollziehen können, was er denkt und meint, ihm einfach folgen können. Und dann bekommt er plötzlich Lust, woanders hinzugehen. Darauf immer zu reagieren, ist ganz schön ermüdend, wenn Sie das zwei, drei Tage durchziehen."

Mathieu Sapin bei der Arbeit

Essen fürs Fernsehen

Und Sapin weiß, wovon er spricht. Im Auftrag einer Fernsehproduktionsfirma führt ihn die erste gemeinsame Reise nach Aserbaidschan. Auf den Spuren von Alexandre Dumas dreht sich dabei nicht alles, aber vieles ums Essen. Nicht immer leicht für Sapin, denn Depardieu schaufelt sich die Schaschliks, Lammrippchen und frittierten Fleischkrapfen wie Obelix in seinen besten Zeiten hinein. "Ja, das war schon erschöpfend", erinnert sich Sapin. "Als ich Depardieu getroffen habe, war das für einen Dokumentarfilm und da mussten wir essen. Und da sind wir von einem Restaurant zum nächsten gezogen, um uns fürs Fernsehen filmen zu lassen. Und so kam es, dass ich zwei enorme Mahlzeiten an einem Tag eingenommen habe, was natürlich nicht gesund ist."

Groteske Szene in der Badewanne

Es folgen noch mehrere Reisen und Begegnungen. Paris, Portugal, Katalonien und Moskau. Sapin zeichnet viel - schnell, skizzenhaft, keine Schraffur. Depardieu als großen, massigen Kerl und sich als kleinen verschreckten Zeichner. Er hält so viele Momente wie möglich fest. Dabei schrammt sein Depardieu immer wieder an einer Karikatur vorbei. Nicht nur äußerlich mit seiner Knollennase und dem massigen Oberkörper, an dem dicke Arme mit großen Händen agieren. Auch inhaltlich wirken einige Szenen grotesk, wie die Filmarbeiten zu "Stalin". Da schreit er tobend, in der Badewanne sitzend, nach heißem Wasser, während eine Souffleuse ihm den Text einsagt.

"Vor allem habe ich Depardieu reden lassen"

Mathieu Sapin zeigt seinen Comic © NDR Foto: Christina Grob

Mathieu Sapins "Gerard Depardieu"

NDR Kultur -

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Aber es geht auch anders - tiefgründiger, emphatischer. Wie bei einem Dreh zu einer Arte-Serie in Bayern am Tegernsee. "Wir waren mitten im Dreh, er hatte schon keine Lust mehr", erzählt Sapin. "Ich hatte mich zeichnend in eine Ecke zurückgezogen, und plötzlich kommt er auf mich zu und hatte Lust zu quatschen. Das war der Moment, in dem er mir sehr persönliche Dinge aus seiner Kindheit erzählte. Er kann sehr klar auf sein langes Leben zurückblicken. Ich habe auch einige Fragen gestellt, vor allem aber Depardieu reden lassen."

So erzählt er, dass seine Mutter ihn mit Kirschenstiel-Sud abtreiben wollte und er früher Angst vor dem Alleinsein hatte und darum maßlos trank. Sapin wertet nicht. Er schaut, zeichnet, dokumentiert. Lässt Depardieu rülpsen, schwitzen, fressen und cholerisch wüten. Zeigt, wie er in Unterhose zu Hause am Handy telefoniert oder nackt unter der Dusche steht.

Widersprüche stehen lassen

Zudem gibt Sapin teilweise kleine Erklärungen neben den Dialogen, um die Szenerie noch detaillierter zu beschreiben. Dabei lässt er auch Widersprüche einfach stehen. So zum Beispiel sagt Depardieu, dass Geld ihm egal sei. Dennoch treiben ihn die hohen Steuern angeblich aus Frankreich weg.

Sapin zeigt den Schauspieler in seiner skurrilen Komplexität: "Es geht darum, so genau wie möglich zu sein. Wenn man so einen dokumentarischen Comic macht, besteht die Schwierigkeit darin, dem Leser gerecht zu werden, mit dem man ja einen Vertrag geschlossen hat. Das hat viel mit Vertrauen zu tun, denn nur durch meine Zeichnungen könnte ich dem Leser erzählen, was ich will. Es wäre leicht, etwas dazu zu erfinden. Der Leser vertraut auf die Wahrhaftigkeit meiner Arbeit und da hilft es, gerade in den Details, äußerst genau zu sein. Ohne all dies hätte man das Gefühl, dass es eine Fließbandarbeit wäre."

Feiner Humor und leichte Lesbarkeit

Das ist es sicher nicht geworden. Auch wenn Sapin schon Erfahrung mit Doku-Comics hat. "Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu" überzeugt durch den feinen Humor Sapins und die leichte Lesbarkeit. Viele Klischees werden bestätigt, dann überrascht der Schauspieler wieder mit Menschlichkeit und Empathie. Ob man Depardieu am Ende der knapp 150 Seiten jedoch sympathischer findet? Schwer zu sagen. Deutlich näher gekommen ist man ihm aber zweifellos.

Gérard. Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Verlag:
Reprodukt Verlag
Bestellnummer:
ISBN: 9783956401435
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 26.03.2018 | 10:55 Uhr

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