Stand: 30.01.2015 11:00 Uhr

Die fantastischen Fotografien der Vivian Maier

Vivian Maier: Das Meisterwerk der unbekannten Photographin 1926-2009
von Howard Greenberg (Hrsg.)
Vorgestellt von Elena Tairis

Der Doku-Film "Finding Vivian Maier" war vergangenes Jahr eine Sensation. Er begibt sich auf die Spurensuche nach dem Leben der großartigen Fotografin Vivian Maier, über die man fast nichts weiß. Immerhin, das Geburtsdatum kennt man: Am 1. Februar 1926, vor 89 Jahren, wurde sie in New York geboren. Mehr als 150.000 Fotografien machte die Amerikanerin Zeit ihres Lebens im Verborgenen, ohne jemals auf sie aufmerksam zu machen.

Vor sechs Jahren starb sie arm und vereinsamt im Alter von 83 Jahren in Chicago. Nur durch Zufall wurde im Nachhinein ihre riesige Fotosammlung mit großen Teilen unentwickelter Fotos entdeckt und im Internet und in Ausstellungen veröffentlicht. Nun kann man sich ausgewählte Fotografien in einer großformatigen Monografie anschauen: "Vivian Maier. Das Meisterwerk der unbekannten Photografin 1926-2009".

Hommage an das alltägliche Leben

Auf einer Stufe mit Robert Frank

Die Medien feiern sie. Vivian Maier wird auf eine Stufe gestellt mit berühmten Fotografen wie Robert Frank, Diane Arbus oder Helen Levitt. Sie, die gut 40 Jahre lang in erster Linie eines ist - Kindermädchen. Ein Job, der ihr genug Freiraum lässt mit ihrer Kamera loszuziehen - in die lärmenden Straßen ihrer Geburtsstadt New York und ihrem späteren Arbeitsort Chicago.

Immer wieder zieht es sie in die Armenviertel der Stadt. So wie im November 1953 in New York. Vivian Maier bleibt vor einem Laden stehen und zückt die Kamera. Ein Schwarz-Weiß-Foto entsteht. An dem Schaufenster gelehnt macht eine junge Frau - oder ist es doch ein Junge? - einen Kopfstand. Er oder sie trägt ein schmutziges Kopftuch. Auch das Gesicht ist schmutzig. Der Mund ist weit aufgerissen. Daneben steht ein junges Mädchen mit nur einem Schuh und viel zu großer Kleidung. Es blickt ernst und unglücklich auf seine Hände.

Haufenweise unentwickelte Filmrollen

Auf dem Bordstein liegt Müll. Die Ladenaufschrift macht deutlich, dass es sich um einen Stripclub handelt. Lili, Georgia und Rosita arbeiten hier. Ebenso wie viele andere Bilder Vivian Maiers wurde es erst posthum entwickelt. Viele Fotos und Filmrollen, die zwangsversteigert wurden und so an die Öffentlichkeit gelangten, sind nur spärlich oder gar nicht beschriftet.

Marvin Heiferman, US-amerikanischer Kurator und Schriftsteller, beschreibt die Bilder so: "Was aus den Bildern eindeutig hervorgeht ist, dass Vivian Maier aus eigenem Antrieb und nur für sich selbst fotografierte. Dadurch sah sie keine Notwendigkeit sich zu beschränken oder zu spezialisieren."

Mit unglaublichem Gespür für Komposition

Das macht den Bildband so lebendig. Sie fotografiert kleine, oft unbeachtete Besonderheiten: einen Apfel in einer Straßenschlucht oder humorige Alltags-Situationen. Ein kleiner Junge, der versucht in einen Karton zu gucken, der größer ist als er selbst; ein Mann der grimmig schaut und von einer, vielleicht seiner Frau ausgelacht wird; ein Kioskbetreiber, der eingeschlafen ist und sein Gesicht mit den Händen abstützt. War ihnen klar, dass sie fotografiert wurden? Vermutlich nicht. Vivian Maier beweist in jedem Fall ein unglaubliches Gespür für Timing und Komposition.

"Vivian Maier drückte selten mehr als einmal auf den Auslöser, wenn ihr etwas gefiel oder sie interessierte", erklärt Heifermann. Tat sie es, weil die Entwicklung von Fotos so teuer war? Oder war sie sich einfach sicher über die Qualität des Bildes? Es wird immer ein Geheimnis bleiben. So wie viele andere Details ihres Lebens.

Hinweise auf ein verborgenes Leben

Einen wichtigen Teil im Bildband nehmen ihre Selbstporträts ein. Sie sind kunstvoll und zum Teil witzig inszeniert: Sie spiegelt sich mit ihrem Fotoapparat in der Hand in Schaufensterscheiben, Supermarkt- und Verkehrsspiegeln oder im Chrom der Autos, an denen sie vorüberging. Zu sehen ist eine große schlanke Frau in derber Kleidung. Ihr Gesicht ist immer ernst. War sie unglücklich? "Eine Fotografie ist ein Geheimnis über ein Geheimnis" so die Us-amerikanische Fotografin Diane Arbus. "Je mehr sie einem sagt, desto weniger weiß man."

Jedes Bild ist eine Verlockung nach Hinweisen über ihr unbekanntes Leben zu suchen. Sich kleine Geschichten auszumalen, die über die Bilder hinausgehen. Gleichzeitig sind vor allem ihre Schwarz-Weiß-Bilder aus den 50er- und 60er-Jahren eine Hommage an die Alltäglichkeit des Lebens. Sie sind bis ins kleinste Detail komponiert, bestechend in Ausschnitt und Blickwinkel. Es ist eine nostalgische Zeitreise in das urbane Leben jener Zeit. Aber hätte Vivian Maier jemals gewollt, dass ihre Bilder ausgestellt werden? Bilder, die sie bewusst Jahrzehnte im Verborgenen hielt? Vermutlich nicht. So fühlt man sich beim Betrachten ihrer Bilder ein wenig, als ob man etwas Verbotenes tut.

Vivian Maier: Das Meisterwerk der unbekannten Photographin 1926-2009

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Mit Texten von Marvin Heiferman und Laura Lippman
Verlag:
Schirmer Mosel
Bestellnummer:
978-3-8296-0686-8
Preis:
58 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 01.02.2015 | 17:40 Uhr

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